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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

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Was für das moderne Landhaus heute 
zunächst wichtig erscheint, ist ein Komplex 
von Empfindungen, der den modernen 
Menschen, abgesehen von seiner Einzel 
veranlagung beschäftigt. Unsere Zeit strebt 
nach ehrlicher Einfachheit und Verinner 
lichung. Dieses Streben hat mit roman 
tischen und romanhaften Äußerlichkeiten 
nichts zu tun. Wir sind moderne Arbeits- 
menschen, keine Burgherren. Wer aus 
Berlin zurückkehrt, will vor allem Ruhe. 
Diese Ruhe muß sich in der Umgebung in 
jeder Beziehung aussprechen, in der An 
lage des Gartens, in der Abgeschlossenheit 
des Hauses, in der Gestaltung der Räume. 
Im Innern mag man nach eigenem Ge 
schmack wirtschaften, nach den Erinne 
rungen und Aussichten seines Lebens, Nur 
nach außen hin keine Intimitäten. Klare 
Linien, strebende Stützen, einige Symme 
trie, Vorbauten, die den Übergang zum 
Garten vermitteln, einige Rundungen in den 
Pfeilern und Dachseiten, die dem Lichte 
angenehmer sich aufdrängen und möglichst 
wenig Ornamentik. 
Die Flächen selbst sollen lebendig wir 
ken, die Linien des Bauwerks selbst sollen 
zur Ornamentik werden. In den Fenstern 
als dunkler Kontrast zur helleren Fläche 
steckt schon genug der Ornamentik. Ja, 
es gibt bei einem Bauwerk nichts Schöneres 
wie gut proportionierte Fenster, die glatt 
und elegant in eine kontrastierende Fläche 
einschneiden, das Draußen umrahmen und 
das Innere ahnen lassen. Wir müssen uns 
an eine bedeutendere Auffassung der Or 
namentik gewöhnen. Weshalb soll unsere 
Zeit mit aller Gewalt eine neue Ornamen 
tik und was man schlechthin darunter ver 
steht, erfinden? Es gibt so viel davon, daß 
wir dieser ornamentalen Fülle und des 
plastischen Wirrwarrs ihrer Einzelheiten 
überdrüssig sind. Es ist so viel davon er 
funden, daß wir uns ruhig von dieser Tä 
tigkeit erholen können. Eine Kunstgattung, 
die nun einmal existiert, braucht schließ 
lich um ihrer selbstwillen nicht fortgesetzt 
zu werden. Im übrigen sieht man in Berlin 
so viel davon, daß man zu Hause we 
nigstens sich Flächen schaffen sollte, die 
das Auge beruhigen. 
Das, worauf es heute beim Landhause 
in erster Linie ankommt, ist die Verwer 
tung des Materials, ein Gebiet, das in der 
großen Fülle seiner Möglichkeiten noch 
kaum beachtet wurde. Welche Wirkung 
läßt sich zum Beispiel, um nur eine von 
Vielem herauszunehmen, mit einfachenroten 
Ziegeln erreichen, wenn man sie geschickt 
verwendet. Etwa als Einfassung einer 
weißen Fläche, in profilierten, scharf auf 
strebenden Eckpfeilern oder als breite Ein 
fassung der Tür, die wieder von heilen 
Flächen herausgehoben wird. 
Diese und ähnliche Möglichkeiten der 
Materialbehandlung sollen an anderer Stelle 
ausführlicher behandelt werden. 
Als ein unsern vorgenannten Anschau 
ungen durchaus entsprechendes Bauwerk 
veröffentlichen wir im vorliegendem Hefte 
der „Berliner Architekturweit“ ein Land 
haus in Zehlendorf, eine Schöpfung des Archi 
tekten Regierungsbaumeisters Ernst Spindler 
{Firma: Erdmann & Spindler, Berlin), der 
in einer verwandten früheren Arbeit der Villa 
Düren in Godesberg (VIII. Jahrg. Heft X d. 
,,B. A. W,“) einen interessanten Vergleich 
seiner architektonischen Auffassung bietet. 
Beide Landhäuser sind in materieller Hin 
sicht durchaus verwandt. Jedoch wirkt bei 
der Villa Spindler die zurückgezogene Lage 
besonders günstig, denn das Wesen des 
Landhauses besteht schließlich in seiner 
Verbindung mit der umgebenden Natur, 
in einer vornehmen Zurückgezogenheit, die 
sich halb versteckt hinter Bäumen und 
Anlagen dem Auge darbietet. Zunächst ist 
bei diesem Landhaus auch auf die äußere 
Umgrenzung Wert gelegt. Ein Zaun aus 
abgerundeten Pfeilern in Rauhputz, die 
durch kleine Reliefs belebt werden, bietet 
gegenüber den sonst üblichen trübseligen 
Gitter einfassungen eine freundlichere Lösung 
und einen gewissen Zusammenhang mit der 
Architektur des Landhauses. Eine ein 
ladende halbkreisförmige Einbiegung der 
Umfassungsmauer markiert den Eingang, 
Ein breiter zum Hause führender Weg 
bereitet den Kommenden vor. Die re 
präsentative Anlage ist tunlichst vermieden. 
Die Eingangsseite wurde völlig einfach ge 
halten, eine Giebelanlage mit hochgezogenem 
Vorbau und kleinenFenstern, die derganzen 
Eingangsseite fast etwas Abwehrendes und 
Verschlossenes verleihen. Die Architektur 
als Ganzes ist klar und übersichtlich, die 
trennenden Linien deutlich, dabei ein rauher 
Bewurf der Flächen von feiner malerischer 
Wirkung und schmiegsamer Lebendigkeit. 
Die eigentliche Gartenseite ist in feinsinniger
        
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