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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

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'Grundriß des Erdgeschosses. 
wenige denken daran, daß sie individuelle 
Menschen sind mit eigener Veranlagung 
und Anschauung und entsprechend gearte 
ten Bedürfnissen, Daher kommt es, daß 
so viele Villen in der Umgebung Berlins 
gleich aussehen, gleich Öde und langweilig. 
Eckige Kästen aus roten Steinen mit trüb- 
seeligen Dächern, ohne Zusammenhang, 
ohne Interesse für die möglichen Wirkun 
gen der einzelnen architektonischen Be 
standteile, bald antlkisch, bald mittelalter 
lich, biedermeierlich oder in der Art deut 
scher Renaissance aufgetakelt. Trotzdem 
die Bewohner dieser Villen mit diesen Zeiten 
nicht das geringste zu tun haben, vielleicht 
noch weniger davon wissen und sicher 
sehr erstaunt sein würden, wenn man ihnen 
die Allliren oder gar die Tracht des Zeit 
stiles ihres Hauses, das schließlich als wei 
tere Kleidung des Menschen gefaßt werden 
muß, zumuten würde. Auch vergessen 
wohl manche dieser Villenbesitzer, daß man 
im Äußeren seines Hauses sich selbst ver 
Grundriß das Obergeschosses. 
rät, das Niveau seiner Anschauung und 
Bildung unbedachterweise vor aller Augen 
bloßlegt. Denn es ist heute die primitivste 
Forderung des Wissens der Töchterschül- 
bildung, daß die MenschenfrühererZeitenvon 
Grund aus in ihremganzen Organismus, ihren 
fünf Sinnen, vor allem in ihrer Anschauung 
von Welt und Dingen, völlig andere Men 
schen waren, die unter ganz verschiedenen 
Lebensbedingungen auch verschiedene 
Kunst schaffen mußten, eine Kunst, die wir 
heute unmöglich nachschaffen können. 
Am verfehltesten war wohl in der Be 
wegung der Landhausarchitektur jener 
neue Eklektizismus, der auf die Vorbild- 
lichkeit der alten Bauernhäuser hinaus 
wollte. Mit diesen Dingen ist heute am 
allerwenigsten etwas anzufangen. Auch 
die biedermeierlichen Äußerungen der ein 
fachen Wohnhäuser einer antikischen Rich 
tung, von der man heute im gewissen Um 
fange sprechen kann, geben nur eine Ver 
lege nheitsauskunft
        
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