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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

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Einen Wettbewerb zur Erlangung von Entwürfen 
für eine neue große Friedhof-Anlage in Mannheim 
wird die Stadt zum i, März 1907 ausschreiben. Es 
gelangen 3 Preise von 3000, 2000 und 1000 M. zur 
Verteilung, Nicht preisgekrönte Entwürfe sollen für 
je 500 M. angekauft werden. 
rfr Vom Tage für den Kirchenbau des Protestantismus 
führen wir die Ausführungen des Pfarrers David Koch 
aus Untevbalzheim in Württemberg an. Das Christentum 
darf nach ihm nicht in Ästhetik aufgelöst werden; die 
Kunst soll aber den Misteln entsprechend das Gotteshaus 
innen und außen schmücken. Jedoch wo Not an Kirchen 
und an Mitteln ist, genüge eine kleine, einfache Kirche. 
Eine einheitliche Raumgestaltung sei vor allem nötig. 
Die Scheu der Kirche vor der modernen Kunst und 
der mit ihr fälschlich in Verbindung gebrachten ka- 
tholisierenden oder freiheitlich - schöngeistigen Ten 
denzen sei zu bekämpfen, Kunst bleibe Kunst im 
Großen wie im Kleinen; deshalb sei auch die Dorf* 
kirche dem Künstler zu geben. Die protestantische 
Kirche solle das Gute nehmen, wo sie es finde, selbst 
von der katholischen Kirche. Die Kunst müsse stets 
Mitarbeiterin der Kirche bleiben. Der Protestantismus 
solle seine Gotteshäuser nach modernem Empfinden 
und nicht nach dem Vorbilde der katholischen Kirche 
hauen. Das protestantische Gotteshaus vermeide leere 
Pracht, erstrebe aber erhebende, festliche Größe; es 
kann auch zur Denkmalskirche der deutschen Ent 
wicklung werden. Die Kreuzkirche in Dresden sei 
ein Vorbild für harmonische Innengestaltung. Redner 
glaubt an einen kommenden protestantischen Kirchen 
stil als Ausdruck unserer Zeit, die gegenwärtigen Be 
strebungen bilden einen Übergang zu ihm. Redner 
geht auf die Raumgestaltung und den malerischen 
Schmuck näher ein, will den Altar nicht als Hoch 
altar ausgebildet sehen, findet dagegen Uhdes Altar 
bild in der Kirche von Zwickau so stimmungsvoll, 
daß er eine ähnliche Verwendung moderner Kunst 
in der Kirche nur wünschen kann. Dagegen verwirft 
er die Glasmalereien, um Wand- und Deeken-Gemälden 
eine größere Bedeutung zu geben. Mit Recht und 
Beifall betonte Koch, der Theologe habe gegenüber 
seiner Gemeinde eine kunstsoziale Aufgabe zu erfüllen. 
— Der Geh. Baurat Otto March aus Charlottenburg 
über „Gestaltung und Ausstattung des Raumes“ unter 
schied zwei Richtungen in der Formgebung des pro 
testantischen Kirchenbaues: die der treuen Wächter 
der Überlieferung, die das Erbe der heißen Kämpfe 
unserer Vorfahren unverändert zu erhalten trachten 
und die religiösen Errungenschaften von Jahrhunderten 
unversehrt fortzupflanzen suchen. Sie knüpfen in 
ihrer Mehrheit an mittelalterliche Formen, an die 
Formen der Zeit einheitlicher, gewaltiger Kirchen- 
Orgamsatkmen an, die der Allgemeinheit noch als 
eigentlich kirchlich galten. Die im Gegensatz hierzu 
stehende Richtung legt das Gewicht auf persönliche 
Aneignung und Auslegung der Lehre und erstrebt 
eine Harmonie des Glaubens und des modernen 
Wissens. Auch im Gotteshause suchen sie eine Ver 
menschlichung der Kirche im edlen Sinne des Wortes 
und wollen damit eine Schranke niederlegen, welche 
die theologisch gebundene Kirche von vielen Tausen 
den des Volkes trennt. Zu diesen zahlreichen Vertretern 
unseres durch tiefe metaphysische Bedürfnisse ausge 
zeichneten Volkstums eine Brücke schlagen, ist jedenfalls 
der lebhafte Wunsch eines jeden Vertreters unserer Kirche. 
Auch die künstlerische Form der Gottesdienste wird 
gestreift, Von dem Grade ihrer Weihe ist die Stimmung 
der raumschafsenden Künstler in erster Linie abhängig. 
Die konservativsten Vertreter der Kirche sind nicht 
befriedigt von der gegenwärtigen Form, die äußer 
lich dem Mittelalter entlehnt ist, aber, des mittelalter 
lichen Glanzes und Farbenreichtumes entkleidet, zur 
Starren Schablone geworden ist- Eine Hinzuziehung 
der Musik in umfangreicherem Maße, Trennung der 
Liturgie von der Predigt, Einleitung und Schluß der 
Liturgie durch Wechselgesang der Gemeinde und 
des Chores usw., sind hierhergehörige Vorschläge des 
Vortragenden. Wer sich nicht der größeren oder ge 
ringeren Beredsamkeit der Kanzel-Redner allein über 
lassen will, soll in den Klängen deutscher Kirchen- 
Musik Stimmung finden. „Bachsche musikalische 
Bekenntnisse kann man für sich allein als lebendige 
Beweise für die ewige Gültigkeit christlicher Erfahrung 
gelten lassen. Ablehnende Schlagworte, wie Theater, 
Konzertkirche, haben gegenüber dem unerschöpflichen 
Reichtum innerlichster, evangelischer Kirchenmusik 
wenig Gewicht.“ Die Kanzel ist so niedrig anzulegen, 
als es die ungestörte Sehljnie von jedem Platz zum 
Redner hin gestattet. 
X Der neue Jahrgang von Dreßlers Kunstjahrbuch 
erscheint im Januar 1907. In diesen Tagen ergehen 
die Fragebogen, welche umgebend an die Redaktion 
von Dreßlers Kunstjahrbuch zurückzusenden sind. Er 
gänzungen und bezügliche Mitteilungen erbittet der 
Herausgeber, Maler-Architekt Willy O. Dreßler, Ber 
lin W., Landshuter Straße 2.
        
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