Path:

Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

248 
hängen. Der Künstler aber, der dem mo 
dernen Leben abgewandt in Italien, in Rom 
dauernd lebt, konnte sich nicht dazu zwingen, 
das moderne Kostüm plastisch zu zwingen. 
Der Kompromiß, Friedrich I. römisch zu 
behandeln, bedeutete für ihn schon das 
Menschenmögliche; daß diese Handlung nur 
aus der Verlegenheit heraus geboren ist, 
dafür fehlte dem in der Antike großgewor 
denen Künstler das Verständnis. 
Diese Aufgabe künstlerisch zu bewältigen 
in neuem Sinne, dazu gehörte die geniale 
Begabung eines Rodin. Immerhin müssen 
wir uns freuen, einmal einem Denkmal 
von Künstlerhand zu begegnen, das neben 
seinem patriotischen Inhalt auch künstle 
rische Absichten hat. Die Art, wie der 
Akt auf dem Pferd sitzt, ist gut beobachtet; 
daß die Beine so lang zu beiden Seiten 
überhängen, ist mit künstlerischer Treue 
beibehalten; imponierend wirkt es nicht. 
Etwas kleinlich erscheint der Schmuck des 
Sattels, eine kleine weibliche Figur, die 
sich dem Reiter an den Rückenteil, der 
auf dem Leib desTieres aufsitzt, anschmiegt, 
was nicht schön aussieht. Vollendet schön 
ist die Durchbildung des Tierkörpers, mas 
sig, gedrungen und voller Kraft. Treue der 
Nachbildung und formale Gestaltung ist 
restlos zu einem Kunstwerk eigenster Prä 
gung verschmolzen. 
In Saal VI steht eine Bronze von Max 
Klinger, die „Badende“, keine neue Schöp 
fung, sondern ein bekanntes Werk. Klin 
ger zeigt darin seine vollkommene Beherr 
schung der Form. Kräftig und graziös 
zugleich, jugendlich und doch voll sind die 
Formen. Herbheit und Reife ist der Statue 
eigen. Die Badende setzt den einen Fuß 
auf einen Sockel auf, die Hände sind aui 
dem Rücken verschränkt, der Kopf blickt 
nach unten auf den Fuß. All die harmo 
nischen Verhältnisse des antik herrlichen 
Körpers kommen so deutlich zum Ausdruck. 
Klinger zeigt in solchen Akten seine Bega 
bung für die Plastik am sinnfälligsten. We 
nige sind wie er so zurückhaltend im De 
tail Und doch so voller Leben, wenige so 
naturwahr und doch so groß in der Form. 
In Saal IX, dem großen Mittelraum, ist 
ein Werk von Nicolaus Friedrich ,,Ga 
leerensklaven“, in Bronze aufgestellt. Ohne 
einen allzu großen Aufwand an Phantasie 
zu verraten, sitzen diese beiden massigen 
Gestalten dennoch mit der vollen Wucht 
körperlicher Erscheinung da. Die herab 
hängende Hand des einen, der sich auf die 
Schulter des anderen stützt, — dieser sitzt 
in zusammengezogener Haltung da und 
preßt die Hände vors Gesicht — die schlaffe 
Gebärde, im Gegensatz dazu das Zusam 
mengepreßte der anderen Figur, verrät 
plastisches Gestalten. Ohne Rodin sind 
diese trauernden, großflächigen Gestalten 
ebenfalls undenkbar. Wie ist hier alles 
ins Ruhige abgestimmt. Rodin gab in sei 
nem kauernden „Denker“ eine Gestalt von 
zwingender Konzentration, der man das 
innere Leben in allen Gliedern anmerkte. 
Hier ist Ruhe. Zwei nackte Körper sind 
mit Sorgfalt, ohne Kleinlichkeit gebildet, 
das ist alles. Das akademische ist nicht 
fern. 
Minne und Maillol, der Belgier und 
der Franzose, haben beide in ihrer Art et 
was Gemeinsames. Sie huldigen beide 
einem Primitivismus, einer Stilisierung, die 
an die Plastik früherer Jahrhunderte, etwa 
der Gotik erinnern. Minne hat einen stren 
gen, herben Frauenkopf hier. Das Eckige 
der Linie, das Spitze der Formen sind be 
absichtigt. Unleugbar liegt darin ein tech 
nisches Mittel zu eindringlicher Wirkung 
verborgen. Denn man hat das Gefühl, daß 
diese archaistische Rückerinnerung nicht 
äußerlich ist, sondern daß der Künstler 
wirklich so empfindet. Er macht aus dem 
Kopf dadurch wirklich eine eigene Schöp 
fung, er erhebt sich Über Studie und Por 
trät und gibt ein Werk, in dem sein eignes 
Wollen lebt. Auch Maillol, der kollektiv ver 
treten ist, geht ab von dem einfachen Vor 
bild der Natur. Er sucht die Form, den 
Stil. Er unterstreicht irgend eine Beson 
derheit, um dem Sinn einer Erscheinung 
so näher zu kommen. Unwillkürlich nähert 
er sich so einer Art von plastischem Im 
pressionismus. So ist die Holzfigur eines 
Mädchens in ihrer scheinbaren Naivität 
der Gestaltung selbständig empfunden. 
Auch der Frauenkopf hat in der Betonung 
der einfachen Form etwas merkwürdig 
Ausgeklügeltes und doch scheinbar Zufäl 
liges, Man könnte ebensogut sagen, Naives. 
Denn die Grenzen verwischen sich hier. 
Ganz apart und reizend sind die kleinen 
Frauenfiguren, weibliche Akte von Hand 
größe, voll lebendigster Gestaltung, mit 
breiter Formgebung, trotz des kleinen For 
mats groß wirkend. Interessante, lebendige 
Konturen und malerische Flächenbehand 
lung schufen Werke von prickelnder Le 
benswahrheit und eigenkünstlerischem 
Wert. Dagegen ist die große, sitzende 
Frauenfigur vorläufig nur als Entwurf zu 
achten. Das Michelangeleske daran sitzt 
sehr stark an der Oberfläche und man 
könnte höchstens sagen, daß aus dieser 
Skizze etwas werden könnte. 
Die Mädchenfigur von Kolbe gefällt we 
gen der Herbheit der Formen, denen alles 
Schablonenhafte fehlt. Interessanter ist 
eine kleinere Arbeit, ein nach vorne ge 
beugter Akt, der ein Netz mit Fischen aus 
dem Wasser zieht. Der graue Stein ist 
mit Zartheit behandelt und die Form tritt 
nur leicht aus dem Block heraus. Es ist 
auch hier etwas Weiches, Zurückhaltendes 
in der Behandlung. Das Relief von Dauer 
erinnert an altrömische Grabstelen, auf 
denen in Umrahmung die Personen der 
Abgeschiedenen dargestellt werden. Hier 
eine Frau und ein Kind. Die Anlehnung 
ist so stark, daß man meint, eine Kopie zu
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.