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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

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Im „Festtag“ nähert sich Evenepoel am 
meisten dem Leben. Eine Marktscene. 
Buden, Verkäufer, Spaziergänger, Vorn 
schlendern zwei Soldaten. Die Verkäufer 
stehen und rufen. Es ist etwas Karikaturen 
haftes in dem Bilde. Scharf sind die Kon 
turen herausgearbeitet. Neben dieserWahr- 
heit und Schärfe der momentanen Linie 
steht um so schöner die Ruhe und Sicher 
heit der breiten Farbenflächen, das Blau 
der Uniformen, das Braun des Bodens, 
dazu das lebhafte Farbenspiel des ganzen 
Milieus, die hinten verschwindenden Spa 
ziergänger, die Häuser seitlich von den 
Buden. Ein gedämpfter, ruhiger Lichtton 
hält das alles zusammen. 
Soweit die Sezession deutsche Maler 
bringt, hat sich der Charakter im ganzen, 
wie im einzelnen nicht verändert. 
Es überwiegt stark das Porträt. Lieber 
mann ist da an erster Stelle zu nennen. 
Zum Teil bekommen wir ältere Arbeiten 
zu sehen, die schon in festem Besitz sind. 
Man erkennt die Handschrift eines bewußten 
Talents, das klar weiß, wo seine Grenzen 
sind und wo seine Vorzüge; diese letzteren 
arbeitet es stark heraus. Er verbindet mo 
mentanen Eindruck des Porträtierten mit 
beinahe monumentaler Sicherheit der Durch 
führung. Er erhebt dadurch immer sinn 
fälliger die Skizze zum Kunstwerk. Man 
könnte an einen modernisierten Frans Hals 
denken. Nur fehlt doch noch die letzte 
Note eines zügellos herstürmenden Tem 
peraments und die reife, freie Schönheit, 
die dem Holländer eigen war. Das Lapi 
dare, wie Liebermann einen Charakter 
malerisch auf eine Formel bringt, tritt in 
diesen Bildern scharf hervor. Vor grau 
hellem Hintergrund stehen diese Köpfe wie 
gemeißelt, in vollster Lebensnahe. Und 
doch merkt man bei jedem Strich die zähe 
Arbeit des mit allen Fibern schaffenden 
Künstlers. 
Diese Eindringlichkeit hat das Bild 
„Leo XIII. segnet die fremden Pilger“ nicht. 
Es wurde schon vorher als Sensationsbild 
ausposaunt. Es ist im wesentlichen Skizze 
geblieben. Aber das Unfertige ist nicht 
zum Stil geworden. Es schimmert sogar 
in höchst auffälliger Weise das Historien-, 
das Genrebild alten Stils hindurch, dem 
nur äußerlich die Vollendung gehemmt 
wurde. 
Bei Sievogt, der ebenfalls Porträts gibt, 
kommt das Künstlerische nicht so restlos 
zum Ausdruck, Das kraßblaue Kleid der 
Dame, der General in Uniform sind wohl 
äußerst lebendig erfaßt, lassen aber male 
rische Einfachheit und Schönheit vermissen. 
Dagegen sucht L e p s i u s von vornherein seine 
Bildnisse auf eine bestimmte Note zu prägen. 
Bei den Herrenporträts herrscht ein feines 
Grau, bei den (flaueren) Damenbildnissen 
ein sanftes Rosa vor. 
In der Landschaft stehen Kalckreuth 
und Leistikow an erster Stelle, Bei Kalck 
reuth denkt man an Segantini. Er um 
hüllt seine Gestalten mit blassem grauen 
Abendlicht, in dem sie in plastischer’Deut 
lichkeit, doch in dunklen Massen stehen. 
Besonders das Bild „Pflügender Bauer“ 
prägt sich dauernd ein. Die Mittelgruppe 
des Bauern mit Pferd ist ganz klein, der 
braune Acker liegt im Schein der Abend 
sonne, die soeben am Horizont noch 
einmal aufglüht, still und weit da. Ner 
vöser ist Leistikow, seine „Liebesinsel“ 
ist ein lyrisches Gedicht. Diese zarte Stim 
mung des Atmosphärischen! Das goldene 
Leuchten des Lichts ist eingetaucht in 
silbergraues Weben der Luft. In ruhigen 
Flächen baut sich der Eindruck auf, Wasser, 
Land, Wolken. Dennoch ist alles leicht 
aufgelöst und in seiner Schönheit beinahe 
unwirklich. Eine traumhafte Morgenstim 
mung. 
Thoma, Nißl, Dill, Reiniger, Pleuer, die 
Worpsweder, Alberts, Volkmann stellen 
Landschaften aus, die ihre bekannte künst 
lerische Art von keiner neuen Seite zeigen. 
Stoffwahl wie Technik sind die gleichen wie 
in den Vorjahren. Zwei Bilder von Fritz 
Rhein sind besonders zu erwähnen, ein 
Interieur, ein Stilleben. Sie haben einen 
vornehmen grünen Ton, eine feste, ausge 
prägte Form. Prächtig steht der große, 
tiefdunkle Strauß vor dem grauen Hinter 
grund. In dem auf Grau gestimmten In 
terieur gefällt die intensive larbige Stim 
mung, die so diskret zurückhaltend ist, 
und doch alle Feinheiten entschieden belebt. 
Stuck und Korinth gehören nur des 
willen zusammen, weil sie beide in ähn 
licher Weise nach Sensation haschen und 
sich prätentiös gebärden. Stuck ist dies 
mal ganz entgleist. Sein „Christus“ mit 
der hebräischen, griechischen und lateini 
schen Inschrift, ist gequält, theatralisch. 
Überhaupt leiden seine Bilder unter der 
unnatürlichen Farbe, die in ihrem grün 
lichen Weiß an Verwesung erinnert. Ko 
rinth ist erfreulicher. Wenn er auch nicht 
frei ist von äußerlicher Effekthascherei, so 
gelingt es ihm doch, seinen Motiven „Kreuz 
abnahme“, „Erziehung des Bacchus“ durch 
eine ein wenig gequälte Lebendigkeit Tem 
perament zu verleihen. Der helle, graue 
Luftton ist das Beste an den Bildern, denen 
im Grunde etwas Sinnloses anhaftet. Man 
spürt nicht den künstlerischen Willen; ein 
zuchtloses Temperament. 
Drei deutsche Maler sind mit einer größe 
ren Reihe von Werken vertreten. Der Mün 
chener Habermann, der Stuttgarter Pan- 
kok, derKarisruherTrübner. Das Schwer 
gewicht ist dadurch auffallend nach Süd- 
deutschland verlegt. 
Habermann malt fast ausschließlich weib 
liche Porträts. Er verfällt seit Jahren in 
eine Manier, die die Farben wie Schlangen 
durcheinander zieht. Eine Reihe älterer
        
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