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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

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Neue probiert. Auch hier halte man sich 
nicht lange mit überflüssigen Lamentationen 
auf. Man gehe an die Sache heran und 
erkenne, wie festlich und heiter solch ein 
Raum wirkt. Es scheint, als seien die 
Wände gefallen. Frei wirkt der Raum auf 
uns und die Natur begrüßt uns unmittelbar 
mit der Schönheit ihrer atmosphärischen 
Erscheinung. Dunkel und trübe sehen die 
Säle dagegen aus, in denen die anderen 
Bilder hängen. Dieses Weiß, Gelb, Grün, 
Rot in kleinen Tupfen mosaikartig neben 
einander gesetzt, macht, daß die Bild 
erscheinung sich scheinbar fern von mir 
aufbaut, in voller Luftschönheit, die alle 
Dinge umhüllt. Ich habe den Bildeindruck, 
ohne daß das Bild mich okkupiert. 
Man halte die in der gleichen Technik 
gearbeiteten Bilder der Deutschen (Baum 
und Herrmann) und der Franzosen (Lig 
nac und Cross) nebeneinander. Das stil 
bildende Element ist bei den Deutschen. 
Die Franzosen haben die Grazie des flüch 
tigen Moments, des Analytischen. Ihm blei 
ben sie treu. Die Stilleben von Herrmann, 
die Landschaften von Baum sind bewußte 
Neü-Schöpfungen*). 
Daß aber der impressionistischen Art 
auch dekorative Momente innewohnen, 
zeigen Künstler wie Vuillard und Bon 
nar d, deren umfangreiche Dekorations 
bilder einen eigenen Charakter haben. 
Vuillards Entwürfe wirken wie Gobelins. 
Die dunkleren Farbenmassen vor hellem 
Hintergrund, der alles leicht auflöst und 
scheinbare Perspektive in wirklichem Raum 
gibt, wirken in der Art wie die lichtdurch 
schossenen Wandteppiche früherer Zeiten, 
Die leichte Undeutlichkeit der Konturen 
unterstützt die Illusion. In der Art der 
Komposition läßt sich japanischer Einfluß 
bemerken, scheinbar ohne Zusammenhang 
sind die einzelnen Figuren — es ist eine 
Gartenscene dargestellt — in die Landschaft 
gesetzt, ohne daß Überleitungen von einem 
zum andern hinführen. Die matte Tönung 
auf Weiß und Rotbraun, die diskrete Art, 
wie der Vorgang sich undeutlich verhält, 
und dennoch zu erkennen ist, wie das Motiv 
sich verdeutlicht und doch der farbige Ein 
druck genügt, den Beschauer zufrieden zu 
stellen, diese ganze lockere, auflösende 
Manier**) hat etwas Leichtes, Graziöses. 
Denselben spezifisch französischen Charak 
ter zeigen die Wandbilder von Bonnard, 
Sie wirken flüchtiger. Dies erreicht der 
Künstler durch die mattgrüne, gleichmäßige 
Tönung des Hintergrundes, von dem sich 
die in dunklerem Grün gehaltenen Linien 
*) Nur die Landschaften von Valtat haben in ihrer 
breiten Malweise etwas Dekoratives. Der Künstler 
arbeitet mit nebeneinander gesetzten Flächen, deren 
dunkler Ton sehr schön wirkt. Ähnliche Art zeigst 
Dzialas (München), der in einem „Kaffeegarten“ 
und ^Dorfweg“ feine grüne Töne hat. 
**) Die den Raum gibt und dennoch den FlSchen- 
eindmek wahrt. 
des Vordergrundes harmonisch abheben. 
Auch hier sind Gartenscenen dargestellt. Die 
stilistische Übertragung ist hier vollkommen. 
Darum wirken diese Bilder, in denen ein 
neuer Freskostil sich ankündigt, geschlosse 
ner, einheitlich, auch im Ton ruhiger. Das 
Leichte, Graziöse, der deutlichen Form Ab 
holde, mit einem Wort, das Französische 
spricht sich in diesen Bildern mit kultu 
reller Bedeutung aus. Es ist derselbe Grund, 
aus dem die französischen Neu-Impressio- 
nisten ihre neue Technik nicht so weit 
bringen, daß ein Stil sich ahnen läßt, wie 
es Baum und Herrmann tun. Ihr Werk 
erscheint als Art eines Spezialisten, der 
vom großen Wege abirrt. Hier aber läßt 
ein Anfang von Hinstreben zu einem Neuen 
sich ahnen. 
Will man dagegen sehen, wie ein Deutscher 
ein dekoratives Bild gestaltet, so sehe man 
sich das Werk von Strathmann an „An 
ziehendes Gewitter“. Ein einfacher Vor 
wurf, eine Landschaft, Wiesen in leicht 
geschwungener Ebene, weithin sichtbar; 
im Vordergrund ein Mohnfeld; auf einem 
schmalen Feldweg, mitten im Grünen ein 
paar flüchtende Bauernweiber, ganz klein, 
nur als Farbenfleck wirkend. Das Große 
an diesem Bilde ist, wie aus dem einfachen 
Vorwurf etwas herausgeholt ist, das echte 
Kunst, reine Phantasie ist. Dadurch kommt 
ein Stil hinein, der sich in jedem Detail 
ausprägt. Wie dieser Teppich der Wiesen 
gemalt ist, wie in breitem Schwung die 
Ebenen anheben und sich senken, wie sorg 
sam jede Blume gemalt ist, das ist ganz 
eigenes Können. Die Mohnblumen haben 
fast beseeltes Leben, wie große Augen 
blicken sie den Beschauer an. Ein ganz 
eigentümliches Stilgefühl lebt in diesem 
Künstler, reich phantastisch und voller 
Schönheiten, Sich immer an die Natur 
haltend, holt er in getreuer Arbeit aus dem 
Leben selbst den Reichtum seiner Motive. 
Man könnte schwer sagen, worin sein Stil 
liegt. Das ist das Tüchtige an diesem 
Künstler. Er forciert sich nicht. Er hat 
die Ruhe des Könnens, das langsam aus 
reift. Es ist zu bedauern, daß solch ein 
hervorragendes Talent so wenig zur Gel 
tung kommt, vor allem, daß diese dekora 
tive Phantasie nicht große Aufträge be 
kommt, mit denen er sich innerhalb der 
dekorativen Bewegung als Talent ersten 
Ranges betätigen würde. Zum Unterschied 
von den Franzosen prägt sich hier alles 
genau und deutlich aus. Jede Form ist 
modelliert, bis ins Kleinste alles ausgear 
beitet. Die Liebe und Sorgfalt der alten 
deutschen Meister ist hier im Modernen, 
frei von Archaismus, bewahrt. Die deko 
rative Phantasie der Franzosen, ihre Kunst 
übung überhaupt ist eben auf Farbe ange 
legt, die der Deutschen auf Linie. 
Einen anderen Versuch, aus dem im 
pressionistischen Bild heraus zu einem Stil 
zu kommen, stellen die Arbeiten einiger
        
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