Path:

Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

PSYCHOLOGISCHE BEMERKUNGEN 
ZUR WIEDERHERSTELLUNG ALTER 
BAUDENKMÄLER. 
Von Dr. MAX DERI. 
Es ist schon so viel über die Wieder 
herstellung alter Baudenkmäler geschrieben 
worden, daß man, um nicht von vornher 
ein alle Leser abzuschrecken, um einen 
Titel verlegen ist, der das Thema verberge. 
Doch so verschiedene Köpfe auch schon 
an der Diskussion teilgenommen haben: 
Architekten, Maler, Bildhauer, Aestheten, 
Kunsthistoriker, eine Partei fehlt noch: die 
der gänzlich Uninteressierten. Uninter 
essiert dabei nicht nur in materiellem, son 
dern auch in ideellem Sinne. Die Kaste 
der reinen Zuschauer ist noch nicht zu 
Worte gekommen, denen alles Fühlen 
gleichgültig ist oder erst in zweiter Linie 
steht; die bloß leben, um zu konstatieren: 
denen der Satz gilt. daß nur derjenige der 
Dinge vorläufig letzten Tatsachensinn er 
kennen kann, dem die Art des Resultates 
völlig gleichgültig ist: nur wer es nicht 
fühlt, kann's erjagen. Die Leute dieses 
Schlages sind in den letzten Jahrzehnten, 
und besonders in den letzten Jahrfünften 
ganz schüchtern und kleinlaut geworden. 
Der Kult des Künstlers und des Künstle-- 
rischen steht heute so hoch wie nur je, 
und einer, der gesteht, daß ihm die intel 
lektuelle Tätigkeit mehr Freude mache als 
jedes gefühlsmäßige Tun oder Erleiden, 
wird leicht bemitleidet, gar verachtet. Die 
Reaktion wird nicht ausbleiben. Die Leute, 
denen das reine Dasein der Dinge weniger 
gilt als deren Beziehungen zueinander, 
werden sich bald wieder melden. Man 
braucht ja den Gegenschlag nicht gleich 
so heftig zu führen, daß man den einzel 
nen, der gute Bilder malt, echte Kunst 
werke schafft und sich deswegen schon für 
einen großen Menschen oder zumindest für 
einen übergeordneten Menschen hält, un 
mittelbar als komische Figur empfindet. 
Er wird ja durch die ständige Betonung 
des Künstlerischen als des einzig Wert 
vollen im Leben unwiderstehlich in diese 
Ausweitung seines Spezialkönnens zum 
Mittelpunkte alles Geschehens getrieben. 
Dabei ist die Welt aber überreich an Stand 
punkten, und die künstlerische Anschau 
ung, die jedes Ding im Ganzen läßt und 
in sich begreift, ist auch nur eine der ver 
schiedenen Möglichkeiten, mit der äußeren 
Welt fertig zu werden. Wir Verachteten 
dagegen, denen das Aufspüren der Rela 
tionen zwischen den Dingen und Vor 
gängen, die „funktionelle Abhängigkeit“ 
der physischen und psychischen Elemente 
voneinander die Lebensfreude ist, nehmen 
uns, vorlaut wie wir nun einmal sind (man 
kann es auch unerschrocken nennen), 
schließlich auch so ein künstlerisches 
Problem her und untersuchen es sachlich, 
wie wir es mit irgendeiner anderen wissen 
schaftlichen Frage machen. Nach der Me 
thode der Variation beobachten wir die 
Veränderung eines jeden Elementes, die an 
die Veränderung jedes anderen gebunden 
ist, ob nun jene ursächliche Veränderung 
von selbst eintrat (reine Beobachtung) oder 
durch unseren Willen herbeigeführt wurde 
(Beobachtung nach Experiment). Zum 
Schlüsse lassen wir dann alles in schönster 
Ordnung zurück: die einzelnen Elemente 
für sich losgelöst und die Beziehungen 
zwischen den Teilen mit möglichst eindeu 
tigen Worten festgestellt. Das betroffene 
Untersuchungsobjekt wird dabei, indem eg 
als Exempel dient, in seinem Eigenleben 
natürlich geschädigt; doch ist auf seine 
Kosten eine Erkenntnis für alle ähnlichen 
Fälle gewonnen. Wie die Vivisektion in 
Diensten der Heilkunst, so steht die zer 
gliedernde Psychologie im Dienste der 
Aesthetik. Eingestanden sei dabei, daß die 
Emotionsfähigkeit des untersuchenden Sub 
jektes selber in einem derartigen Tun immer 
mehr vertrocknet. Ja man ruiniert sich 
durch die fortgesetzte Beobachtung allmäh 
lich die Fähigkeit zur Ekstase überhaupt.. . 
Doch der erwähnten Menschensorte steht 
ja, wie gesagt, diese Fähigkeit von vorn 
herein an zweiter Stelle. — 
Seit alten Zeiten weiß man, daß der 
Mensch gerne in größerem geselligen Zu 
sammenschlüsse lebt; er ist ein Herden 
wesen. Und ebenso weiß man seit langem, 
daß eine derartige Gemeinschaft von Ein 
zelseelen, die in ihren Grundanlagen gleich 
sind, sich gewisse gemeinsame Äußerungen 
festlegt. Ein Mensch allein oder einige 
wenige Menschen hätten nie wirtschaft 
liche, rechtliche, religiöse Systeme zustande 
gebracht; erst mußten Hunderte zusammen 
kommen, bis Sprache, Sitte, Mythus ent 
stehen konnten. 
Jede Einzelseele hat eine Anzahl von 
Funktionen. Der Umfang, die Feinheit, die 
Tüchtigkeit einer solchen Funktion ist von 
einem Individuum zum nächsten verschie-
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.