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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

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merkt man eine ähnliche Wirkung, her 
vorgerufen durch gleiche Mittel, und es 
kommt In den Sinn, was Ruskin einmal 
angemerkt hat, daß, je kleiner das Bau 
werk, je notwendiger seine Bausteine kräf 
tig und wuchtig sein müßten. Die bron 
zene Christusmaske wirkt in den ernsten 
Linien ihrer Stilisierung prächtig und der 
dunkle Ton der Patina hebt sich eindrucks 
voll ab von dem Grau des Granitgrundes. 
Daß gerade in dem unbearbeiteten, rauhen 
Stein eine kraftvolle Würde liegt, zeigen 
die beiden freistehenden Grabsteine aus 
rotem Granit, vom selben Architekten ent 
worfen, deren Wirkung lediglich auf ihrer 
Form und vor allem in der Vornehmheit 
beruht, die der natürliche Stein mit unge- 
glätteter Oberfläche besitzt. „Bauen wir 
in Granit, so ist es in den meisten Fällen 
töricht, für die Glättung desselben so viel 
Mühe und Zeit zu verschwenden; es ist 
vernünftiger, dem Entwurf gleich einen 
granitnen Charakter zu geben oder die 
Blöcke rohbehauen zu lassen.“ Es ist, als 
ob der Architekt hei seinem Entwurf an 
diese Ruskinstelle gedacht hätte. 
Die Erkenntnis von der Pracht und Macht, 
die in der natürlichen Zerklüftung des Ge 
steins liegt, und die bewußte Verwendung 
des Materials für bestimmte Wirkungen 
zeigen die ausgestellten Beispiele durch- 
gehends. So rechnet Pfeiffer bei seinem 
Grabmal mit dem Fietä-Relief mit der Po 
rosität des Kalksteins, die dem ganzen 
gleich den Eindruck der Verwitterung ge 
währt, wobei erwähnt werden soll, daß 
der Künstler ganz modern mit optischen 
Effekten spielt: wie das Licht von dem 
Grunde des Reliefs herausflutet auf den 
Leichnam des Gekreuzigten, ähnlich wie 
Bartholome bei seinem ,,Aux morts“ in 
dem unteren Relief. 
Eine neue und eigenartige Lösung des 
monumentalen Familiengrabes versucht der 
Architekt Hugo Wagner (Bremen). Die 
Anlage rechteckigen Grundrisses wird von 
einer hohen Mauer aus dunkler Basaltlava 
umzogen und so eine vom Getriebe des 
Friedhofes still abgeschlossene Stätte ge 
schaffen. Einer einfachen Steinbank gegen 
über erheben sich größere und kleinere 
Pfeiler aus Basalt, die als Träger für Auf 
schrift und Namen fungieren. Eine schwere 
schmiedeeiserne Tür verschließt den Ein 
gang nach außen. 
Der „Ausstellungsfriedhof* zeigt Beispiele 
für alle vorkommenden Formen des Grab 
males, vom einfachen Kreuz an bis zürn 
reich plastisch geschmückten Sarkophag 
(prachtvolles Beispiel die Arbeit des Dres 
dener Bildhauers Hottenroth). 
Von den Einzelgräbern, die mit geringen 
Kosten hergestellt wurden und besonders 
da vorbildlich sein könnten, wo nur be 
scheidenere Mittel zur Verfügung stehen, 
verdient Erwähnung der originelle Entwurf 
des Schlossermeisters Müller aus Dresden, 
der einen quadratischen Pfeiler aus Back 
stein ausmauern ließ und darauf einen 
kastenartigen Aufbau mit kupfernem Dach 
setzte, in den frische blühende Blumen ein 
gestellt sind. Die grüne Patina und das 
fast feierlich-regelmäßige Weiß der Fugen 
bilden das ganze Ornament. 
Besonders glücklich und ihrer Form 
nach den Materialcharakter betonend, sind 
die ausgeführten Entwürfe Prof. Schu 
machers für kleinere Grabmäler aus Holz 
und Schmiedeeisen. Ausgehend von der 
Grundform des Kreuzes, sind sie mit ihrer 
sparsamen Ornamentik sicherlich von ge 
ringem Herstellungspreis und wohl geeig 
net, die erschrecklichen Erzeugnisse der 
Fabrikware zu verdrängen. 
Hottenroths Versuche, Grabreliefs in 
Robbiatechnik herzustellen, sind inter 
essant. Man wünscht ihnen allgemeinere 
Verbreitung; sie könnten das ohnehin sehr 
farblose Bild unserer Architektur nur be 
leben. 
Erst wenn die mannigfachen und starken 
Anregungen, die dieser Friedhof kleinsten 
Maßstabes zu bieten hat, Früchte tragen 
werden, wird man sagen können, daß der 
Totengarten zwar die Stätte ist, die der 
Vergangenheit gewidmet wird, die jedoch 
auch den gegenwärtig Lebenden allerhöchste 
und mächtige Rechte zu gönnen hat.
        
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