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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

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Verblendernausgeführt, eine unsägliche 
Kälte verbreitet, schasst er in der Einseg 
nungshalle einen die ganze Friedhofsanlage 
beherrschenden Zentralbau. Diesen hält 
er in den Formen frühchristlicher Bau 
kunst und den sparsamen Ornamenten gibt 
er leichte Bemalung. Die kreuzgewölbten 
Hallen öffnen sich auf das weite Gräber 
feld, und durch terrassenförmige Gestaltung 
des Terrains gewinnt der Baumeister hüge 
lige Rasenflächen, die zu einer malerischen 
Aufstellung der Denksteine Gelegenheit bie 
ten. Kapellen oder stillplätschernde Brun 
nen, umzogen von Bankreihen, die in ihrer 
marmornenWeiße vor dunkelgrünen He cken 
schimmern, bieten dem Auge erwünschte 
Ruhepunkte beiWegeskreuzungen. Er ver 
einigt somit schlichte Architektur mit dem 
lebendigen Material, das ihm die Natur in 
ihrer unendlichen Fülle bietet und schafft 
aus Vegetation und Denkmälern ein Vor 
bild, dem die städtischen Kommunen bei 
neuen Anlagen nachstreben werden. Denn 
so große Vorzüge auch immer die Park 
anlage bietet, so ist sie doch aus genannten 
Gründen nur sehr selten ausführbar. 
Bei kleinen Friedhöfen, wo es nicht an 
erster Stelle auf Raumausnutzung ankommt, 
erscheint sie nach wie vor als das Ideal. 
Sie bietet schon durch das von Natur aus 
hügelige Terrain und die Baumgruppen 
tausend Möglichkeiten zu stimmungsvoller 
Gestaltung. Indem hier das System der 
Reihen gräber aufgegeben ist, wird es mög 
lich, durch Zusammenstellung der künst 
lerisch guten Denksteine wirkungsvolle 
Gruppen zu gewinnen. 
Ein trefflich gelungenes Beispiel dieser 
Art zeigt zurzeit die dritte deutsche Kunst 
gewerbeausstellung in Dresden. Nach 
dem man den Gartenbau als sehr der Pflege 
bedürftigen Kunstzweig erkannt hatte und 
ihm auch auf den Ausstellungen einen selbst 
ständigen Platz anwies, kam man bald da 
zu, auch die Friedhofskunst in die Aus 
stellungen für angewandte Kunst mitein- 
zubeziehen. Vergangenes Jahr sah man in 
München einen Friedhof kleinsten Maß 
stabes, auf dem die trefflichen Arbeiten 
Obrists und Pankoks für Einzelgräber 
vorgeführt wurden, und Anfang dieses Jahres 
veranstaltete man in Wiesbaden sogar eine 
Ausstellung, die nur der Hebung der Fried 
hofskunst diente. 
Die diesjährige Dresdener Ausstellung, 
die durchweg unter dem Zeichen der Raum 
kunst steht, hat es sich angelegen sein 
lassen, zu zeigen, wie der neue Stil nicht 
nur die Formen der profanen Architektur 
geändert hat, sondern in der Sonderab 
teilung der kirchlichen Kunst bietet sie ein 
Bild, wie auch auf diesem Gebiet, das ja 
seiner Natur nach streng konservativ am 
Alten hängt, alle Formen vom neuen Geiste 
durchdrungen werden. 
Aus dem prachtvollen protestantischen 
Kirchenraum Prof. Schumachers, der sei 
nem Stimmungsgehalt nach wahrhast der 
Raum einer festlich-ernsten Versammlung 
ist, betritt man durch einen schmalen Ver 
bindungsgang, in dem einige bäuerliche 
Grabkreuze aus Holz und Eisen beweisen, 
wie die Volkskunst mit den einfachsten 
Mitteln vorbildliche Leistungen schafft, die 
Friedhofsanlage. 
Von hohen Mauern umgeben, die ihn von 
dem übrigen Teile der Ausstellung ab 
schließt, liegt der Garten inmitten des leb 
haften Ausstellungsgetriebes ruhig und 
stimmunnsvoll da. Der entwerfende Archi 
tekt, Max Hans Kühne, ging von der Un 
gleichförmigkeit der Bodenerhebung aus 
und legte seinem Plan ein sanft nach oben 
ansteigendes, gewelltes Terrain zu gründe, 
Betritt man durch die schlichte Eingangs 
halle den Hof, so befindet sich zur Linken 
eine rechteckige Zisterne von der Form, 
wie sie auf Böcklins „Heimkehr“ den Vor 
dergrund des Bildes ausfüllt. Und wie dort, 
so spiegelt sich auch hier in der ruhigen 
glatten Wasserfläche der blaue Himmel und 
die geballten Wolken und irgendwo tropft 
ein Quell langsam und gleichmäßig, und 
die melancholische Einförmigkeit dieses 
Tones bildet ein nicht unwesentliches Stim 
mungsmoment. Ein terrassenartig ange 
legter Weg führt an einfachen Gräbern vor 
bei zu der kleinen Friedhofskapelle, deren 
Entwurf ebenfalls von Kühne herrührt. 
Ihr rotes Dach und die weiß geputzten 
Außenflächen leuchten in der Sonne und 
die Schlichtheit des Innenraumes mit den 
prachtvollen Glasfenstern des Malers Gol 
ler, der endlich wieder einmal die Schön 
heit der tiefen Farben mittelalterlicher Glas 
fenster erkannt hat und in moderner Weise 
neu zu geben versteht, ist unbeschreiblich. 
Ein anschließender Kreuzgang, in dem 
Wandnischen für Aschenurnen eingelassen 
sind und einfachere Wandgräber angelegt 
wurden, bildet an dieser Seite den Ab 
schluß. 
Den höchsten Punkt des Hügels krönt 
ein in der Schlichtheit der Auffassung schö 
nes Kindergrab von E. Pfeiffer aus Mün 
chen; die kleine Bronzestatue erhebt sich 
auf ihrem Sockel inmitten eines Hortensien 
beetes, ein prachtvolles Gegenbeispiel für 
die auf unseren Friedhöfen dutzendweise 
zu findenden Marmorflguren sentimenta- 
lisch-rührender Kinder. 
Von den Familiengräbern verdient vor 
allem Erwähnung das aus Muschelkalk 
aufgeführte Denkmal des Architekten Wil 
helm Kreis. Es verdankt seinen monu 
mentalen Eindruck mehr den großen, 
schweren Einzelformen seiner Architektur, 
wenn gleich die Materialbehandlung das 
Übermächtige noch steigert und die Art, 
wie das Mauerwerk gezeigt wird, sicher 
lich eine Vergrößerung des Maßstabes be 
wirkt. 
Bei dem großen Wandgrabmal Rudolf 
Kolbes, ausgeführt in grauem Granit, he-
        
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