Path:

Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

ABB. 262. 
DER MODERNE FRIEDHOF. 
Von W. C. BEHRENDT. 
Es ist zum mindesten verwunderlich, daß 
die moderne Bewegung sich verhältnis 
mäßig erst spät dem Totengarten und den 
Grabanlagen zugewendet hat, die heute 
noch ein erschreckliches Bild der schlim 
men Stilreproduktion während der siebziger 
Jahre des letzten Jahrhunderts bieten. Wie 
eine Musterkarte für Stillehre liegen die 
Grabfelder da mit ihren antiken Stelen, 
gothischen Sakramentshäuschen und gra 
nitenen Renaissancekreuzen, die in ihrer 
polierten Glätte eine eisige Kälte verbreiten, 
und die endlose Regelmäßigkeit der Reihen- 
gräber trägt nicht dazu bei, den Eindruck 
der Kälte zu mildern. Diese Vernachlässi 
gung ist verwunderlich, umsomehr, da es 
sich doch hierbei nicht eigentlich um grö 
ßere Aufgaben der Architektur handelt, 
welche, an sich eine höchst konservative 
Kunst, schwerfällig ist und schon ,,durch 
die wirtschaftliche Bedeutung ihrer Ob 
jekte stark gebunden erscheint.“ Man sollte 
vielmehr annehmen, daß die Bestrebungen 
des neuen Stils gerade am ehesten sich 
diesen kleineren Aufgaben zugewandt hätten. 
Während die jungen Künstler auf dem Ge 
biete der Wohnkultur und des künstleri 
schen Kleingewerbes ganz einwandfreie 
Leistungen hervorbrachten, die sie nicht 
versäumten, ans zahlreichen Ausstellungen 
zu zeigen, blieb die Friedhofskunst nach 
wie vor vernachlässigt und wurde in den 
Händen der Fabrikanten das, was sie 
großenteils noch heute ist. Es hatte natür 
lich nicht an trefflichen Einzelschöpfungen 
gefehlt, hervorgerufen durch die Initiative 
reicher Bauherren; der billige Grabstein 
dagegen blieb unter der Herrschaft des 
Schematismus. Erst in dem Augenblick, 
wo man die Gartenkunst überhaupt wieder 
mehr beachtete, da man in Ihr ungeahnte 
Möglichkeiten neuer Betätigung entdeckte, 
rückte auch der Totengarten in den Mittel 
punkt des Interesses und heute ist inson 
derheit die künstlerische Gestaltung seiner 
Anlage eine stark diskutierte Tagesfrage. 
Man wendete anfangs den Blick rück 
wärts und suchte, wie überhaupt, so auch 
hier reuevoll nach der Tradition, die man 
ungerechterweise ausgegeben hatte. Man 
fand die prachtvolle Stimmung in den 
Totengärten unserer Großeltern, und in 
dem man den Gründen der erhabenen Ruhe 
nachspürte, die ja von der künstlerischen 
Gestaltung der Einzelgräber nicht auszu 
gehen schien, glaubte man, in der park 
artigen Anlage die Ursache gefunden zu 
haben, welche ebenbestimmte Empfindungs 
zustände auszudrücken und zu erzeugen 
fähig sei. ,,Die Natur erschien hier in ihrer 
ganzen Größe und Freiheit und hatte 
scheinbar alle Kunst verschlungen.“ 
Bei der Notwendigkeit einer rationellen 
Bodenausnutzung sah man ein, daß man 
die malerischen, parkartigen Anlagen, die 
das Terrain höchst unzureichend aus 
nützten, nicht mehr gebrauchen konnte. 
Man verzichtete daher auf die Mitwirkung 
der Landschaftsgärtner beim Entwurf einer 
Friedhofsanlage, und unter der Herrschaft 
von Reißschiene und Winkel lieferte der 
städtische Baubeamte die übelbekannten 
Pläne schachbrettartigen Grundrisses. 
Daß trotz derartiger Forderungen künst 
lerische Anlagen möglich sind, beweisen 
die neuen Friedhöfe der Stadt München, 
die nach den Entwürfen des Baurat Gr äs sei 
ausgeführt wurden. Er schuf den modernen 
Friedhof, indem er mit höchst wirtschaft 
licher Ausnützung des Bodenraumes alle 
Vorzüge der parkartigen Anlage vereinigte, 
ja diese noch vermehrte, indem hier die 
Orientierung eine bei weitem leichtere ist. 
Statt der bösen Architektur der Friedhofs 
kapelle, die, nach bekanntem Schema in 
Backstein (womöglich gar in glänzenden 
B. A.W. IX. 6.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.