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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

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der alten Form niemals wieder erreicht 
werden kann. 
Die groß angelegte Abteilung für Volks- 
kunst ist hier nur dann von Bedeutung, 
wenn sie in ihrer frischen Natürlichkeit, 
nicht jedoch als Vorbildersammlung ange 
sehen wird. Letzteres hieße nichts weiter 
wie eine verwaschene Kultur an die Stelle 
der kaum überwundenen Vorbildlichkeit 
größerer Kulturen zu setzen. Die reiche 
Fülle der künstlerischen Leistungen in Dres 
den hat dargetan, daß diese und andere Vor 
bilder nicht mehr vonnöten sind. 
Als bemerkenswertestes Ergebnis der Aus 
stellung erscheint eine Anzahl wohlfeiler 
Wohnungen, die jedermann die Möglich 
keit bieten, mit der alten Unkultur unserer 
Umgebung auszuräumen. Die „Dresdener 
Werkstätten“ haben hier mit Entwürfen von 
Riemerschmid den Anfang gemacht und 
damit eine der wichtigsten sozialen Auf 
gaben in Angriff genommen. Merkwür 
digerweise sind ähnliche Bestrebungen in 
Berlin, wo sie am allernotwendigsten und 
sicher auch am erfolgreichsten wären, so 
gut wie unbekannt. Für die zahlreichen 
neuen Mietshäuser sind erträgliche Innen 
einrichtungen heute nicht zu beschaffen. 
Hier eröffnet sich für die vielen in Berlin 
wirksamen künstlerischen Talente eine in 
jeder Hinsicht fruchtbringende Aufgabe, die 
besonders für die Berliner Architektur von 
größter Wichtigkeit werden könnte. Sobald 
nämlich unsere Architekten allgemein mit 
künstlerisch durchgebildeten Inneneinrich 
tungen der Mieter rechnen können, kom 
men wir schließlich von innen heraus auf 
eine Umbildung und Neugestaltung der au 
genblicklich stagnierenden Mietshäuserar 
chitektur. 
Die Arbeiten der Berliner Künstler inDres- 
den stehen mit ähnlichen Aufgaben nicht in 
Zusammenhang. Die Arbeiten des „Werk 
ring“ sind von einer Vorbesichtigung im 
Charlottenburger Rathause bekannt (vgl. 
Berliner Architekturwelt, Heft 2 u. 3). 
Alfred Grenanders Empfangszimmer mit 
glänzenden Stühlen, poliertem Marmor, da 
rin Wandbilder von Mohrbutter, ein 
Wohnzimmer Grenanders, imEindruck vor 
wiegend durch Wandbilder, Lackarbeiten 
und Radierungen von Professor E. Orlik 
bestimmt, ein Salon mit feinen Möbeln von 
Professor Curt Stoeving, ein Zimmer mit 
trefflichen Arbeiten der Königlichen Por 
zellanmanufaktur nach Entwürfen von Pro 
fessor Schmuz-Baudiß: Säulen, Wand 
fliesen, Fenstereinlagen und Beleuchtungs 
körper aus durchscheinendem Porzellan; 
weiterhin ein Eßzimmer von Rudolf und 
Fia Wille, Arbeiten von Gessner, Koer- 
nig, Kaiser, ein Hof mit Brunnen von 
Bruno Möhring, das ist der kleine ex 
klusive Kreis von Berliner Künstlern, die in 
Dresden mit Arbeiten vertreten sind. 
Wenn man die einzelnen Leistungen 
gegeneinander abgrenzen wollte, so müßte 
man bei Berlin von einer gewissen sensiblen 
Stimmung sprechen, die bei diesen Arbeiten 
fast durchweg zum Ausdruck kommt und 
durch die eigentümlichen Verhältnisse des 
großstädtischen Lebens bedingt scheint. 
Berlin sucht auf jedem Gebiete neue Werte 
zu schaffen. Überall bemerkt man hier Ver 
suche und neue Kombinationen, in jeder Art 
der Materialverwendung, den Intarsien, der 
Wandverkleidung. 
Daneben begnügen sich andere Städte, 
besonders München, mit einfacheren er 
probten Mitteln. Bruno Pauls helles 
Speisezimmer gehört zu den besten Arbei 
ten der Ausstellung. Seine frische Natür 
lichkeit erfüllt den Raum bis in alle Ein 
zelheiten. Hier liegt der große Unterschied 
zu den Arbeiten mehr handwerklichen 
Charakters, die in irgend einer Einzelheit 
schließlich aussetzen, weil ihnen nicht bis 
zuletzt das gleiche künstlerische Taktgefühl 
zur Verfügung steht. In dieser Beziehung 
ist. die Betrachtung der Ausstellung über 
haupt von größtem psychologischen Inter 
esse. Die einzelnen Räume sind schließlich 
nichts anderes wie ein weiterer Ausbau 
eines künstlerischen Organismus, der die 
Anlagen und Eigenschaften seines Trägers 
mehr oder weniger günstig zum Ausdruck 
bringt. 
Am bedeutungsvollsten erscheint weiter 
hin die Museumshalle van de Veldes mit 
wunderb aren Malereien Ludwig von Ho ff- 
manns. Es wirkt in diesem Raume nicht 
besonders günstig, wie das Holzpaneel in 
die Stuckmasse eingreift. Weit überlegen 
zeigt sich der Künstler dagegen in seinem 
lichten Rauchzimmer mit Wandmalereien 
von Maurice Denis, dessen sonnige Ab 
straktheit in der Logik van de Veldes rest 
los aufgeht. Daneben hat E. R. Weiß einen 
„Hagener Raum“ ausgestattet, der vorzüg 
lich als Ausstellungsraum gedruckten Kat-
        
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