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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

VON DER DRESDENER 
KUNSTGEWERBE-AUSSTELLUNG. 
Von MAX CREUTZ. 
Was der modernen Bewegung wün 
schenswert schien, ist in Dresden zur Aus 
führung gekommen. Protestantische und 
katholische Kirchenräume, einFriedhof, eine 
Synagoge, ein Dorf mit Schule, eine Straßen- 
fassade mit Läden, eine Museumshalle, die 
Einrichtung eines Bahnhofes und Schiffs 
kabinen. Mit einer zum Teil nicht ganz er 
quicklichen erzieherischen Tendenz sind 
alle öffentlichen und intimeren Forderungen 
des Daseins erfüllt: Wohn- und Arbeits 
räume, Bibliothek, Musiksaal, Zimmer eines 
Junggesellen, Zimmer einer Dame, Trau 
zimmer und Kinderzimmer von der 
Wiege bis zum Grabe wird man in Dresden 
untergebracht. 
Es müßte hier zunächst viel die Rede sein 
von dem Außerordentlichen der Leistungen, 
von Fülle und Mannigfaltigkeit des Ausge 
stellten, von Kunstgefühl, Stimmung, Ge 
schmack, von jungem, frischem Leben, von 
all den schönen Dingen, die bei Ausstel 
lungsberichten unvermeidlich sind und auch 
hier vorangeschickt werden. 
Daneben ist es wichtig hervorzuheben, 
daß die Dresdener Ausstellung als Gesamt 
leistung ein Niveau zur Darstellung bringt, 
das in allen Äußerungen durch unsere 
leitenden Künstler bedingt und beeinflußt 
wurde. Bei der allzu leicht gemachten Ver 
breitung von Arbeiten wirklich künstle 
rischen Charakters stand eine Aufhebung 
oder Beeinträchtigung des individuell Künst 
lerischen zu befürchten. Dieser Fall ist 
nicht eingetreten. Weit überlegen kommt 
überall die weitsichtige Weltanschauung des 
Künstlers vor der beschränkten Kurzsich 
tigkeit eines Provinzhandwerkers zum Aus 
druck. Und es wird stets ein Unterschied 
bleiben, ob ein an sich scheinbar bedeu 
tungsloser Handgriff dem Impuls einer 
schöpferischen Intuition oder dem Kopier 
talente eines sekundärenGeistesFolgeleistet. 
Immerhin — für die Massenproduktion ist 
auch das letztere unerläßlich. Es mag hin 
gehen, wenn eine künstlerische Anschau 
ung als Unterlage diente. Auf diese Art ist 
auch in Dresden das allgemeine Niveau ge 
schickt gehöht, und man muß es der Aus 
stellungsleitung zugute halten, daß sie bis 
zuletzt durch kluge Verteilung von Arbeiten 
bewährter Künstler eine gute Stimmung zu 
erzielen versteht. 
Im einzelnen überwiegt bei vielen Ar 
beiten allzu sehr die künstliche Absicht. 
Wenn es naturgemäß in unserer Zeit äußerst 
schwierig, wenn nicht unmöglich ist, ge 
wisse Aufgaben, besonders solche kirch 
lichen Charakters so ohne weiteres zu lösen, 
warum dann mit rein verstandesmäßig ge 
wonnenen Faktoren arbeiten, die mit dem 
Wesen ihrer Bestimmung nichts gemein 
haben. Sicherlich besitzt jede getünchte 
Dorfkirche mehr Weite und Größe der An 
schauung, wie sie in den Dresdener Kir 
chenräumen in mühsamen ornamentalen 
Experimenten vergeblich angestrebt wurden. 
Die gleiche Absichtlichkeit liegt bei der 
Anlage des Dorfes zugrunde. Gewiß ist 
es gut und löblich, den stimmungsvollen 
Eindruck unserer deutschen Dörfer nach 
Möglichkeit zu erhalten, im Grunde jedoch 
ist es verfehlt, die alten Stimmungsfaktoren 
zu übernehmen oder nachzumachen. Wo 
zu vorhandene künstlerische Werte wieder 
holen? Dadurch verlieren sie nur von 
ihrem ursprünglichen Wesen, ganz davon 
abgesehen, daß der eigentliche Reiz der
        
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