Path:

Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

165 
auch der eigentliche Gedanke des Volks- 
schulhauaes nach einer architektonischen 
Fassung, in der diesem Nutzbau die ihm in 
mitten der zugeordneten städtischen Bauan 
lagen jeweils gebührende Dominante ver 
bürgt ist. Das bedeutet denn für die städ 
tische Volksschularchitekturwieder eine Be 
reicherung des Bauprogramms. Namentlich 
beim Hauptgebäude. Die besonderen ört 
lichen Schulbedürfnisse bedingen wohl in 
jedem Falle, ungeachtet der Gleichheit des 
pädagogischen Endzieles, auch ein anders 
geartetes Arbeitsleben im Schulhausinnern. 
Der Zug unserer Zeit, der nun einmal in 
der Schule eine Stätte erblickt, die mit 
unbedingter Ehrlichkeit die ihr anvertrauten 
Menschheitsneulinge für das vielgestaltige 
Leben vorzubereiten den Beruf hat, ver 
langt gebieterisch, daß im Schulhause auch 
Platz gefunden wird für Schulwerkstätten, 
Schulküchen und ähnliche dem späteren 
Lebenszwecke und Lebensbedarfe nutz- 
werte Disziplinen. In dieser prinzipiellen 
Losung nun liegt die Basis, auf der letzter- 
dings die äußere Architektur ihr charak 
teristisches Schulhausidiom aufbaut. Ein 
Verbrechen an den künstlerischen Instink 
ten des Volkes ist es aber, zu glauben, daß 
diese verschiedenartigen Zweckverhältnisse 
des Rauminnern bei der Baugestaltung und 
Fassadenbildung in angeklebtem Pilaster 
werk und ähnlichem ornamentalen Not 
behelfe hinreichend zum Ausdruck gebracht 
werden könnten. Welch ein Segen für die 
Volkskultur, daß es bereits nicht mehr an 
Architekten fehlt, die selbstlos ihre ganze 
Künstlerpersönlichkeit dafür einsetzen, um 
jeden neu erstehenden Volksschulbau als ein 
seine reichgestaltete innere Zweckordnung 
restlos verkörperndes organisches Archi 
tekturgeschöpf reden zu machen. Männer, 
die den hohen künstlerischen Mut besitzen, 
allen kurzsichtigen Asketeneiferern zum 
Trotz ihrem Schulhausideal greifbare Wirk 
lichkeit zu erzwingen. Noch weiß sich der 
von modernem Kunstempfinden befeuerte 
Schulhausarchitekt nicht immer absolut 
sicher vor der Gefahr der Verlästerung, 
wenn er sich ehrlich bemüht, seiner mit 
der Platzbestimmung und Materialwahl be 
reits nach Raumaufteilung und Konstruk 
tion festgelegten Baulösung eine kunstge 
wollte Signatur einzuschaffen. Noch setzt 
es da oft einen harten Strauß mit der in 
den Stadtparlamenten leider vielerorts an 
sässigen traditionellen Nüchternheit und 
Geschmacksarmut. Aber es fehlt dem neuen 
städtischen Volksschulbau doch auch be 
reits nicht mehr an schöner Tatsächlich 
keit, deren Kunde so in aller Mund, daß 
darauf zu verweisen sich erübrigt. Der 
Anfang ist also schon gemacht. Solche 
Volksschulen, die in einfachsten baukünst 
lerischen Ausdrucksmitteln eine dem auf 
nahmefrohen Kindessinne traute Sprache 
führen, sind aber zweifellos mit die höchsten 
und am mühevollsten erreichbaren, aber 
auch die köstlichsten Früchte, die an dem 
mächtig treibenden Baume der städtischen 
Volksschularchitektur zur Reife drängen. 
Allerdings darf dabei nicht verkannt wer 
den, daß in dieser Hinsicht dauernd ein 
erheblicher Unterschied zwischen Groß 
stadt und Kleinstadt wird bestehen bleiben 
müssen. Die imposante architektonische 
Haltung, deren die Schule eines Millionen 
gemeinwesens nicht entraten darf, wenn sie 
nicht von den umgebenden großstädtischen 
Monumentalbauten erdrückt werden will, 
geziemt keineswegs auch der bescheidenen 
Kreisstadt. Für die architektonische Ge 
schmacksentwicklung der Kleinstadt besitzt 
ja gerade die Kunstform ihres Schulhauses 
vorbildliche Geltung. Das in der Großstadt 
künstlerisch Empfundene würde, unter 
schiedslos in die Kleinstadt übernommen, 
hier zur nachgesprochenen, platten Phrase 
werden. Nicht das Anlehnen an bereits 
vorhandene Meisterwerke des neuen Geistes, 
sondern das selbstgerechte Eigenschaffen 
in diesem Geiste, geführt von der eigenen 
Schulhausidee und den gebotenen örtlichen 
Realbedingungen, dieses verbürgt den in 
der Volksschularchitektur grundsätzlich zu 
beachtenden Unterschied zwischen Groß 
stadt und Kleinstadt. An dieser unterschied 
lichen Wertung ist aber um so mehr noch 
deshalb festzuhalten, weil der aufgeschlos 
sene Sinn des Großstadtkindes ganz zweifel 
los intensivere architektonische Kunstmittel 
verlangt und verträgt, als der in beschei 
denen städtischen Verhältnissen heimge 
wohnte Schulzögling. Es ist ein hoher und 
edler Gedanke, schon das Kind beim ersten 
Erblühen seiner Seele der Kunst zuzufüh 
ren und dadurch eine allgemeine künstle 
rische Kultur unseres Volkes zu gewähr 
leisten. Kein Einsichtiger kann aber in 
Abrede stellen, daß hierfür gerade dem 
künstlerisch gestalteten Schulhause eine be 
vorzugte Werbekraft eignet, da es sich dem 
Kinde als eine geistige Heimstätte offenbart, 
deren Anblick nicht den von Hause mit 
gebrachten Frohsinn aus dem jungen Ge 
müte verscheucht, an deren Schwelle viel 
mehr der Segen echter Kunst der lernenden 
Schar unserer Kleinen höchste Erfüllung 
zuwinkt.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.