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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

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Das „Mädchen mit Krügen“ zeigt seine 
Vorzüge. Es hält einen Krug auf dem 
Kopf, den anderen ist es im Begriff, an 
zuheben. Diese Anstrengung prägt dem 
Körper den Charakter in der Erschei 
nung auf. Das Werk ist geschmackvoll 
gearbeitet. Die Bewegung ist weich und 
voll, angestrengt und doch ruhend und 
dient so der Schmiegsamkeit der körper 
lichen, jungen Form. Daß Götz auch 
gesammelt, groß gestalten kann, zeigt er 
in einer männlichen Porträtbüste, bei 
der der Kopf vorzüglich breit und kräf 
tig herausgearbeitet ist. Es ist ein Porträt, 
dem aber Bedeutung darüber hinaus als 
künstlerische Schöpfung zukommt. Dem 
„weiblichen Figürchen“ ist schlanke Leich 
tigkeit in der Form eigen. 
Martin Götzes „Vor dem Bade“ zeigt 
einen gut gewählten Moment. Ein Knabe 
sitzt am Ufer, das leicht skizzenhaft ange 
deutet ist. Er streckt einen Fuß vor, probiert, 
der Oberkörper lehnt sich zurück. Ein 
anderer steht daneben. Er geht vornüber 
gebückt heran, stützt einen Arm in die 
Seite und berührt mit dem anderen das 
Knie. Eine natürliche Bewegung, die ge 
schickt festgehalten ist. Überhaupt beob 
achtet dieser Künstler gut. Er holt das 
Momentane glücklich heraus. Bei der 
„Traubenesserin“ ist das gleichfalls zu be 
merken, sie ist leicht und sicher in der 
momentanen Bewegung erfaßt. 
Die „Sandalenbinderin“ (Bronze) von Le 
win-Funcke hat in der zurückhaltenden 
Durchbildung der Formen eine feine Gra 
zie. Man hat Lust, diese Form allseitig zu 
betrachten, sie ist plastisch gearbeitet, 
schön durchgebildet und von herber Na 
türlichkeit. Die matte Tönung stimmt zu 
der Weichheit der Linien. Die Stellung ist 
nicht einfach. Arme und Beine über 
schneiden einander. Die Lösung dieser 
Aufgabe ist frei von Schablone. 
An guten Arbeiten sind noch folgende 
vorhanden. Von Hinterseher (Paris) 
ein weiblicher Kopf, „Träumerei“ betitelt. 
Die leicht verwischende Art der weichen 
Konturbehandlung gibt dem Werk, na 
mentlich den Zügen, dem Haar, breite 
Wirkung, Tilgners (Wien) Büsten haben 
momentanes Leben. Hart und skizzenhaft 
modelliert Tilgner, aufs Malerische hin; 
das Bezeichnende im Kostüm, inBlick und 
Haltung will er im Moment eindringlich 
festhalten. Er scheut nicht vor allzu pho 
tographischer Schärfe zurück. Man be 
grüßt innerhalb der lauen Mittelmäßigkei 
ten diese Unbekümmertheit mit Genugtu 
ung, wenn man sich auch nicht verhehlt, 
daß z. B. der „Strauß“ mit dem kecken 
Schnurrbart, dem am Sockel angeklebten 
Notenblatt und dem Lorbeerkranz schon 
die Grenze überschreitet. 
Die durch ihre naturgetreue Nachbil 
dung eines verwachsenen Herrn auffallen 
de Büste von Pagels hat einen gewissen 
Stil. Wie der Kopf in den Schultern drinsitzt, 
wie entschieden und breit Kopf und Hand im 
Detail und in der Haltung gearbeitet sind, 
dabei Humor herauskommt, wie großzügig 
die Falten des Jacketts behandelt sind, das 
läßt auf eine eigene Anschauung und eige 
nes Wollen schließen. Auch die getönte 
Büste eines Pianisten mit den abgekratzten 
Stellen entbehrt nicht des Interesses. Die 
Gruppe von Arbeitern, die eine schwere 
Maschine ziehen, ist geschlossen kompo 
niert. 
Hartmann-M'Lean hat zwei farbige 
Marmorreliefs ausgestellt, tanzende Paare. 
Der Marmor gewinnt nicht durch Färbung. 
Schön wirkt er noch in der Nähe, wo das 
Körnige lebensvoll unter der Farbe durch 
schimmert. Tritt man aber zurück, so er 
scheint die Blumenwiese in übler Weise 
bunt und die Körper wirken beleidigend 
unschön in ihrer Färbung. 
Ein Grabdenkmal von Oe st en,,Danaiden“ 
hat in seiner großen Form etwas Eindring 
lich-Eigenes. Eine große, räumliche An 
schauung spricht sich in den beiden Figu 
ren aus, von denen die eine kniet, die 
andere stehend einen Krug hält und mit 
der Hand das Gesicht verdeckt. Das Denk 
mal ist schlicht und mit Verwendung weiter 
Flächen komponiert, in deren Mitte die 
Gruppe sich trefflich einfügt. Die Gruppe 
ist noch besonders zur Aufstellung gelangt. 
In der Sterbegruppe des Antwerpener 
Künstlers Blickx, die sehr lebhaft gestaltet 
ist, wirkt am besten der aus der Masse der 
Abb. 160, 
Der Fischerkahn. Von Louis Lejeune in Berlin. 
Große Berliner Kunstausstellung rgod.
        
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