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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

Abb. 158. 
335 
Der Riese, Von Ernst Wenck ? Bildhauer in Berlin. 
Große Berliner Kunstausstellung 1906, 
rial hier sehr beschränkt und es 
wäre gut, wenn künftighin dieser 
Idee der Gestaltung des Innenrau 
mes mehr Betätigung zugewandt 
würde. Wir wissen heute, daß 
die Arbeit des Architekten nicht 
mit dem Grundriß und der Ge 
staltung der Fassade enden soll, 
sondern das architektonische 
Empfinden unserer Zeit verlangt, 
daß alle Räume auch innen die 
Hand des gestaltenden Künstlers 
zeigen. Gerade hier gibt es viel 
zu tun und die Beschäftigung mit 
diesen Fragen wird auch belebend 
zurückwirken auf die Fassaden 
der Häuser, die dadurch irischere 
Abwechslung in der Erscheinung 
bekommen werden. Ein farbiges 
Vestibül zeigt Usbeck, Das Spei 
sezimmerfenster von Unger ist 
in Grau und Blau gehalten. Far 
big stimmt die Decke dazu. Die 
Farbenskizze zu einem Innenraum von 
Halmhuber hat manch interessante Ein 
zelheiten. 
Von hier aus würde der Weg zu dem 
dekorativ gestalteten Innenraum gehen, wie 
wir ihn jetzt mehrfach auf Ausstellungen 
sehen. Leider ist dies hier nicht der Fall, 
Wenigstens nicht im Anschluß an die Archi 
tekturausstellung, wie es im vorigen Jahr 
der Fall war, wo der „Werkring“ ausstellte 
und Prof. Grenander eine Anzahl von Kojen 
dekorativ ausstattete. So fehlt ein wichti 
ges Bindeglied, die praktische Anwendung 
des Kunstgewerbes im Dienste der Archi 
tektur. Wie eng diese aber zusammen 
hängen, wie sie sich bedingen, sich gegen 
seitig beleben, das begreifen wir immer 
mehr. Findet doch zu diesem Zweck in 
Dresden eine ganze umfangreiche, lang 
vorbereitete Ausstellung nur zu diesem 
Zweck statt. Greift doch auch in der ersten 
Kunstausstellung zu Köln, die demnächst 
eröffnet wird, Architektur und Kunstge 
werbe in der angedeuteten Weise gestaltend 
ineinander. Darum sollte die Ausstellungs 
leitung nicht aus dem Auge verlieren, daß 
der Architektur eigentlich die erste, die 
führende Stellung gebührt und, wie im Vor 
jahre der Baukunst mehrere Innenräume 
angliedern, die das Vorwärtsdringen der 
dekorativen Bewegung illustrieren. 
Mit der Architektur hängt die Plastik 
aufs engste zusammen. Ursprünglich eins, 
löste sich von der Baukunst die plastische 
Einzelfigur, sich selbständig machend, wäh 
rend sie früher als Schmuck sich einfügte, 
los. Der Zusammenhang aber ist uns noch 
jetzt gegenwärtig. 
II. 
Die Plastik. 
Der blaue Saal ist ausschließlich der 
Plastik gewidmet. Zwei Kollektivausstel 
lungen sind hier nebeneinander unterge 
bracht, Werke der Bildhauer Herter und 
Wandschneider. 
Ernst Herter liebt das Pathos, die Be 
wegung. Ein derber Geselle zieht eine 
Meerjungfrau herauf, das nennt Herter: 
„Ein seltener Fang“. Eine Hexe reitet auf 
einem Besen: „Walpurgisnacht“. Mit grim 
miger Miene steht ein Jüngling da, zu jeder 
Tat bereit, eine zitternde Jungfrau kniet 
und drückt ihm die Hand; hinter beiden 
eine düster aufrechte Gestalt mit einem 
Stundenglas: „Memento mori“. Oder: Moses 
schmettert die Gesetzestafeln herab. Eine 
Holzstatue, bei der auf das Material nicht 
Rücksicht genommen. 
Auch die Porträtbüsten drapiert Herter 
so aufs Theatralische, Feldherren sehen 
wie altrömische Senatoren aus, schwungvoll 
liegt der Mantel wie eine Toga um die 
Schultern. 
i'Auch die Akte von Wandschneider lei 
den unter einem etwas trockenen Akademis 
mus. Die Statuen sind gleichfalls leer im 
Ausdruck. Die gute Mitte hält er in den 
Porträts inne, in denen ein gewisser Stil 
zu merken ist, eine Einfachheit der Ge 
staltung, die sympathisch berührt. Diese 
Büsten, Studienköpfe, in denen er die de 
zente Tönung des Steins benutzt und eine 
flächige Behandlung bevorzugt, sind am 
besten gelungen. Ein Studienkopf in Zinn 
wirkt durch das schöne Material, das durch 
das Absehen von jeglichem Zierat noch ge 
hoben wird. Der Ausdruck fesselt hier durch 
eine gewisse Ursprünglichkeit. Eine Herme 
wächst einfach und schlicht herauf. Auch 
eine männliche Büste zeigt dieses Betonen 
des Flächigen, Einfachen. Ein sitzender 
Krieger, eine Bronze, ist genau durchge 
arbeitet bis in kleinste Einzelheiten und 
man muß die Sorgfalt anerkennen. In einer 
Kinderbüste zeigt der Künstler gute Beob 
achtung. Hier aber beginnt schon die 
Grenze, die er überschreitet, in einigen bunt-
        
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