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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

ARCHITEKTUR - PLASTIK KUNST 
GEWERBE 
AUF DER GROSSEN BERLINER KUNSTAUSSTELLUNG 1906, 
Von ERNST SCHUR. 
I. 
Die Baukunst. 
Die Baukunst hat ihren bisherigen Raum 
gleich rechts vom Haupteingang diesmal 
der retrospektiven Ausstellung überlassen 
müssen. Sie hat dafür einen kleineren 
Saal am Ende des Gebäudes, neben dem 
großen Saal, der der Plastik gewidmet ist, 
erhalten. Der Raum ist in gelblicher Tö 
nung gehalten; eine einfache und würdige 
Architektur, der sich ein sparsamer Gold 
schmuck passend einfügt, bildet einen guten 
Hintergrund für die Aufstellung der Werke. 
Einige wenige gute Plastiken bringen wohltu 
ende Abwechslung. Ein angenehmes, gleich 
mäßiges Licht fällt auf die ausgestellten 
Gegenstände, die gut im Raum stehen. 
In der Mitte des Saales, auffallend durch 
die Größe, steht das „Residenzschloß in 
Posen“, von Franz Schwechten, eine 
stilgetreue Arbeit. Die perspektivischen 
Zeichnungen der beiden diesem Schlosse 
gegenüberliegenden Gebäude zeigen ernste 
Sachlichkeit. Die Kirche in Rixdorf erhält 
etwas Eigenartiges durch die Art, wie die 
runden Kuppeln die architektonische Er 
scheinung farbig beleben. 
Eine ganze Reihe von Modellen für die 
Reichsbank in verschiedenen Städten stel 
len die Architekten Emmerich und Ha 
bicht aus, im ganzen acht Modelle, die 
beweisen, daß die Architekten nicht nur 
an sich gute Bauten lieferten, sondern es 
auch verstanden, den Charakter der Ge 
bäude jeweils der Art und dem Stil der 
Gegend anzupassen. Dies kommt unauf 
fällig, aber doch bemerkbar zum Ausdruck. 
Monumental baut sich der erste Entwurf 
auf. Er ist offenbar für eine Großstadt, 
deren Straßen volle und reiche Fassaden 
zeigen, bestimmt. Übersichtliche Gliederung 
teilt die Geschosse. Unten niedrige Fenster, 
dann hohe, breite Bogenfenster, dann zwei 
Reihen mittelgroße Fenster, So strebt der 
Bau in klarer Gliederung hoch. Apart sind 
die Türen, ganz einfach eingefügt, ohne 
viel Aufwand an Pomp, mattgrün getönt, 
zeigen sie Teilung in kleine Vierecke. 
Das Dach steigt in hoher Schrägung sicht 
bar an. Ebenso imponierend wirkt das 
Modell für Kiel. Hier treten die Fenster 
tiefer in die Fassade zurück, die Mittel 
pfeiler treten vor. Dadurch tritt die Fas 
sade plastischer heraus, hat mehr Licht 
und Schatten in der Fläche. Nicht so 
monumental ist die Reichsbank für Nürn 
berg, der lokalen Tradition entsprechend. 
Fein ist hier das Dach abgesetzt, das erst 
nach einem Giebelsims wieder ansteigt. 
Auch hier ist mit dem Schmuck sparsam 
umgegangen, sehr zum Vorteil der Erschei 
nung, so daß sich die Gliederung leicht 
einprägt. Kleiner präsentiert sich die Reichs 
bank in Oppeln, Balkons beleben hier die 
Fläche. Auch in Jauer ist diese intimere 
Gestaltung mit Erker und Türmchen mit 
Gelingen durchgeführt. Die Reichsbank in 
Arnswalde sieht einem vornehmen Land 
schloß ähnlich. Der Seitenflügel tritt zu 
rück. Eine Loggia baut sich im Eckwinkel 
ein. Wie eine Anfahrt mit Seitenzugang 
muten die Portale an. In Stallupönen 
gleicht die Reichsbank einem Wohnhaus. 
Grüne Fensterläden beleben farbig die Fas 
sade. Nur die untere Reihe der Fenster 
ist kompakter, breiter. Ein Rahmen zeigt 
außerdem noch sechs perspektivische Dar 
stellungen neuerer Reichsbankgebäude, 
unter denen die kleineren Bauten durch 
ihre farbige Erscheinung und einfache Ge 
staltung besonders gefallen. 
Den Entwürfen von Tettau ist eine 
flächige Erscheinung eigen, die durch ge 
schickt angebrachte Teilung, durch Ein 
gangstür un dVorhallen wirkungsvolle Unter 
brechung erfährt. Man sieht das an den 
Modellen einer Villa und einer Schule in 
Honnef. 
Luftigund frisch präsentiertsicheinBoots- 
haus in Grünau von Toebelmann und 
Groß. Durch das reichlich verwandte 
dunkle Grün der Geländer kommt eine kräf 
tige Farbigkeit in die Fassade. Recht intim 
wirkt ein Landhaus in Woltersdorf von 
Rossius vom Rhyn. Die Fassade ist auf 
Flächenwirkung angelegt. Die gelbe Wand 
erhält diskrete Unterbrechung nur durch 
das Grün der Fensterumrahmungen, die 
apart eingesetzt sind. Besondere Eigenart 
prägt sich in dem Modell eines Landhauses 
von Campbell und Pullich aus, das auf 
einer Erhebung sich aufbaut. Die Formen 
wachsen reizvoll organisch auf. Es ist 
etwas Einfach-Solides und doch Eignes 
darin. Vornehm wirkt das Grau und Weiß, 
dem das eingefügte olivenfarbene Holz sich 
b.a.w. IX. a.
        
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