Publication:
1907
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9145474
Path:

5
Geist und Leib, inneres Neuwerden und
äußere Befreiung wirken in einander und
wo eines versagt, setzt das andere um so
kräftiger ein und nimmt die ganzeiAufgabe
auf sich, bis der Weckruf die Schlummern
den weckt.
Wo früher Trägheit und stumpfes Be
harren wie tausendjähriger Schlaf über
dem Lande lag, regen sich jetzt überall
neue Kräfte.
Immer bunter wird das Bild und fast
verwirrt es die Sinne.
Nichts geschieht nach den Regeln des
Wissens — die Kraft der inneren Über
zeugung löst und beantwortet die Probleme
und lenkt die Dinge. Keine Schablone
zwängt die Vorstellungen in altbekannte
Bahnen. Nichts hassen diese Zeiten so wie
die Schablone. Eigentlich muß man eher
sagen: sie kennen sie gar nicht. Es kommt
ihnen gar nicht der Gedanke, daß es Vor
bilder geben könnte. So müssen auch
wir unser Augenmerk immer mehr auf
die Tüchtigen richten. Nachahmung im
kleinen Sinne gab es zu allen Zeiten und
gerade die Epochen, die so überwältigend
vor uns stehen, haben einen schlimmen
Zwang der Geister gekannt und sind dar
um zu der Einheit gekommen, die uns
imponiert.
Diese Tüchtigen schaffen aus sich in
natürlichem Wirken, wie ein Baum neue
Zweige ansetzt und neue Blüten treibt.
Selbst wo Überlegung ihnen alte Formen
an die Hand gibt, schaffen sie ein Neues,
das so in seiner neuen Form eine Einheit
ist.
* *
*
So sind die Zeiten geartet, die Denk
mäler in Stein hinterlassen, Denkmäler
ihres Streb ens und Woliens. Nicht das
reizt uns und erhält sich, was unseren
Vorstellungen regelrecht entspricht und
nur Gewesenes wiederholt — mag dieses
Wiederholen auch noch so laut und an
maßend sein —, sondern die Macht und
Glut innerer schöpferischer Überzeugung
und die Überlegung künstlerisch-kritischen
Bewußtseins sind es, die den Dingen Ge
walt antun, sie formen nach ihrem Er
messen, Diese Kräfte brechen aus dem
Empfinden hervor, unaufhaltsam wie ein
feuriger Strom — diese herrschen über
Zeit und Raum.
Es ist immer wieder zu betonen, daß
wir gerade diese klare Quelle nie ver
schütten, nie trüben dürfen, daß wir nicht
meinen dürfen, wir könnten dieses rück
sichtslose, unbedingte Einsetzen unserer
Persönlichkeit leise und bequem umgehen
und mit Berechnung erreichen, was nur
der unerschütterliche Glaube an sich selbst
und seine Ziele schenkt.
Und wir wissen wohl, was wir brennend
suchen. Genuß und Vorbild finden wir in
vergangenen Zeiten nicht da, wo schwäch
liches Wollen in Nachahmung sich er
schöpft, sondern da, wo wir in Werken
solche Macht als wirkend empfinden, die
uns bannt.
Nicht das Alte reizt uns, das nach be
quemem Vorbild geschaffen wurde, son
dern das Neue, das ebenso mächtig aus
innerer Willenskraft sich den Werken der
Vergangenheit an die Seite stelle und herr
sche, wie diese herrschten. Und immer
wieder wollen wir die innerste Lehre künst
lerischen Schaffens uns wiederholen: nicht
Gleiches zu schaffen, das sich dem Alten
nachbildend anfüge, sondern aus gleichem
Sinne Neues.
So stellt jede neue Werdezeit aus inne
rem Zwang in künstlerischen Symbolen
ihr Wollen hin und diese Werke, die un
mittelbar reden, leuchten weithin.
IV.
Zu all dem kommt noch die Zersplitte
rung unseres öffentlichen Lebens, die ewig
zwischen Autorität und Selbständigkeit
schwankt, und wenn sie wirklich einmal
eigene Wege gehen will, mit Schrecken
fühlen muß, daß die Kräfte recht schwach
geworden sind, so daß sie nach diesem
übereilten Vorstoß recht schnell wieder
zu den alten Göttern zurückkehrt.
Unsere Zeit ist noch immer überwiegend
eine Zeit des Erhalten-Wollens, nicht des
Neu-Schaffens. Selbst da, wo scheinbar
Neues empor will, muß es gleich erklärend
seine Abstammung von Früherem bewei
sen. Es behauptet sich nicht durch sich
selbst, eben durch seine kraftvolle Neuheit,
die vom Bewußtsein des Ichs getragen ist,
sondern durch mehr oder weniger offen-
sichtige Beziehung zu vergangenen Schön
heiten.
Ja, wenn wir glauben, auf ganz neue
Zielrichtungen hinweisen zu können, ist
meist das deprimierende Gefühl der Impo
tenz der Vater dieser neuen Werke ge
wesen, des Gefühls, wir müssen etwas
hinterlassen, das den Werken der Ver
gangenheit gleichwertig zur Seite gestellt
werden kann, und nicht das sorglose Ge
fühl inneren Reichtums, das einfach nicht
anders kann als sich zu originalen Werken
zu formen. Aus diesem Grunde kommen
wir zu einer bombastischen übertriebenen
Formensprache, die mit dem tatsächlich
geleisteten dann in Widerspruch steht,
V.
Diese Zerfahrenheit, der wir ins Ange
sicht blicken müssen, wird uns schließlich
noch in gewissem Sinne fruchtbare Dienste
leisten.
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