Path:

Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

92 
Völkerchaos hervorlieben, nicht in ihm 
verschwinden; es soll seinen Charakter 
individuell zur Schau tragen, sein Volkstum., 
seine Kraft, seine Ideale und Wünsche 
zeigen. Es entspricht nicht dem Gefühl 
des denkenden und aufgeklärten Städters, 
sein Leben hinter Mauern zu verbringen, 
an deren Straßenseiten gipserne Ornamente 
aus allen Ländern und Stilrichtungen an 
geklebt sind. Gerade weil dies in den alten 
Städten nicht der Fall ist, weil das gesamte 
Stadtbild dort den Stempel der Überein 
stimmung mit dem Charakter der Bevöl 
kerung trägt, darum fühlen wir uns in den 
malerischen und winkligen Gäßchen so 
wohl. 
Auch aus diesem Grunde muß uns die 
Anlage der Städte der Vergangenheit vor 
bildlich sein, eine Forderung, die der 
Schur’sche Aufsatz so heftig bekämpft, die 
uns aber faßbare Anhalte gibt, welche uns 
kein Träumen in der Mark verschafft. So 
ist es deshalb auf das lebhafteste zu be 
dauern, daß in Berlin die Bebauungspläne 
von der Tielbaudeputation bearbeitet wer 
den, während dies doch gerade das Gebiet 
bezeichnet, das für den Architekten von 
außerordentlicher Wichtigkeit ist; denn 
nur auf günstig gestaltetem Bebauungs 
gelände kann er seine Häuser wirkungsvoll 
errichten. Die langweilige Reißbrettarbeit 
des Bauingenieurs wird niemals das Stadt 
bild zulassen, welches selbst der befähigteste 
Architekt mit den reichsten Mitteln schön 
und abwechselüngsreich gestalten könnte. 
Im Großen groß, im Kleinen klein: nach 
diesem Satze sollte der Architekt schaffen 
und nicht an das bürgerliche Mietshaus 
höfische Prachtfassaden anheften, deren 
Vergänglichkeit der nächste Regen offen 
bart. Dann werden auch endlich in unseren 
Vororten jene Landhäuser verschwinden, 
welche den unsinnigen Wunsch zu haben 
scheinen, eine möglichst vollständige Muster 
karte sämtlicher Stilarten von der Antike 
über das Schweizerhaus bis zur modern 
sten Moderne darzubieten. Das Bürger 
haus braucht nicht ernste Größe zu atmen, 
wie Schur es verlangt, sondern Behaglich 
keit und Zufriedenheit. 
Und wenn es scheinen mag, als ob unsere 
modernen öffentlichen Bauten nichts liebe 
volles an sich haben, so liegt das in dem 
Wesen ihrer Bestimmung begründet und 
entspricht der Bedeutung des Staates. Man 
sehe sich die Bauten des Mittelalters und 
der Renaissance daraufhin an, und wir 
werden von ihnen dasselbe sagen müssen. 
£>ies ist jedoch durchaus kein Vorwurf, 
denn das Erhabene, Reiche und Steife er 
zeugt eben den Eindruck der Monumen 
talität. Daß sie groß und eindrucksvoll 
sind, wird wohl niemand leugnen. Der 
neue Geist hat längst begonnen, sich auch 
bei den öffentlichen Bauten zu regen; ich 
erinnere hier nur an die neuen Gerichts 
gebäude, die zweifellos einen Geist atmen, 
dem niemand Freudigkeit und Größe, In 
dividualität und Nationalbewußtsein ab 
sprechen kann. 
Und wenn Herr Schur sich gestattet, von 
denen zu sprechen, die in unseren öffent 
lichen Bauten für den Staat treu ihren 
Dienst erfüllen, wenn er diesen vorwirft, 
daß sie dort freudlos ihre Arbeit verrichten, 
so kann ich dies nur ganz entschieden 
zurückweisen; er scheint nicht zu wissen, 
daß auch dort ein Geist herrscht, der sich 
seiner Arbeit durchaus nicht schämt, son 
dern stolz auf diese mit der Zeit fortschreitet 
und vom wahrhaft modernen Geiste und 
dessen Forderungen durchdrungen ist. 
So müssen wir denn zu der Einsicht 
kommen, daß es für Berlin eine Ehrenpflicht 
ist, sich auf sich selbst zu besinnen und 
damit den anderen Städten Deutschlands 
das beste Beispiel zu geben. Es soll nicht 
über seinen Organismus hinaus zum Staat 
oder unsinnigerweise gar zur Welt streben. 
Glücklicherweise ist Deutschland und Berlin 
zu gut in der Welt gehaßt, als daß es dem 
Weltstil ein Vorbild sein könnte. Berlin 
sei der Ausdruck seiner Zeit und seiner 
Bevölkerung, genau wie München der Aus 
druck der Münchener oder Darmstadt 
jener der Darmstädter sein soll. Zur Erzie 
hung des Volkes, besonders unserer Jugend 
und unseres künstlerischen Nachwuchses 
müssen die Allertüchtigsten durch Wort, 
Schrift und Tat wirken, dann wird Berlin 
auch einmal ein würdiges Denkmal dieser 
gewaltigen Epoche sein können und ein 
großartigeres Stadtbild bieten als das alte 
Nürnberg, Halberstadt oder Tangermünde, 
und unsere Enkel werden sich alsdann 
dieser neuenZeit nichtzu schämenbrauchen. 
Aber kein Programm für die Zukunft 
wird uns diesem Ziele näher bringen; kein 
eingefleischter Vertreter des einzigen Welt 
stils vermag das baukünstlerische Schaffen 
der Vorburg Deutschlands in andere Bah 
nen zu lenken, sondern einzig und allein 
der Wille einer gebildeten und nationalen 
Bevölkerung.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.