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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

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gebildet, daß sie derartige Machwerke der 
Öffentlichkeit anzubieten wagen? Sie, die 
berufenen Werkzeuge unserer Kultur, 
müssen uns doch wohl als die Verantwort 
lichen erscheinen, wenn dies auch nur in 
bedingterWeise der Fall ist. 
Gewiß erhalten sie auf den Hochschulen 
eine Erziehung, aber wie ist diese be 
schaffen! Im Ödesten Formalismus bewe 
gen sich dort die maßgebenden Kreise, vom 
Beginn der künstlerischen Erziehung an 
wird alles getan, um ein Herauswachsen 
aus den augenblicklichen Verhältnissen 
unmöglich zu machen. Und wehe dem, 
der sich der herrschenden Richtung ent 
gegen zu stellen wagt! Das Examens 
gespenst schreckt alle oft unbewußt Wider 
strebenden in die vorgeschriebenen Schran 
ken zurück. Wer als Studierender diesen 
Kampf durchgekämpft hat, der wird wissen, 
warum die Architektur auf dem Standpunkte 
angelangt ist, den sie jetzt einnimmt; bei 
alledem ist es noch verwunderlich, daß ver- 
hältnißmäßig so viel gutes geschaffen wird. 
Wird nun schon bei der Ausbildung der 
später einmal zu leitenden Stellungen Be 
rufenen so gesündigt, daß erst Generationen 
aussterben müssen, ehe an eine vollkom 
mene Besserung zu denken ist, so ist die 
Erziehung der jungen Baubeflissenen auf 
den Bauschulen und technischen Mittel 
schulen als das schlimmste Übel anzusehen. 
Auf dieses Gebiet soll hier nicht näher ein 
gegangen werden, da es an anderer Stelle 
ausführlich besprochen werden soll. Es 
möge hier nur angedeutet werden, daß dort 
der Hauptfehler der Ausbildung darin liegt, 
den Schülern möglichst genau dasselbe vor 
zutragen wie auf den Hochschulen den 
Studierenden, obwohl doch das Menschen 
material in Erziehung und Vorbildung 
durchaus verschieden ist; und dabei will 
man gute Resultate in kürzerer Zeit als 
dort erreichen. Es ist nun überhaupt un 
möglich, von Lehrern, die an den Bau 
schulen erzieherisch tätig sind, viel zu ver 
langen, da deren eigene Vorbildung an der 
Hochschule häufig derartig war, daß sie 
zu allem anderen eher berufen sind, als zur 
Erziehung des technischen Nachwuchses. 
So sehen wir denn den verderblichen 
Kreislauf geschlossen: dem ungebildeten 
Volke werden jämmerliche Gebilde falsch 
geschulter Architekten vorgesetzt, die Tech 
niker, denen meist die geringe Ahnung von 
mißverstandener Kunstgeschichte und For 
menentwicklung zu Kopf gestiegen ist, 
suchen sich gegenseitig durch möglichst 
falsch angebrachte Architekturformen zu 
Überbieten, und das Volk rächt sich durch 
seine Teilnahmio sigkeit, indem es alles Ge 
botene kritiklos hinnimmt, das Schlechte 
und leider auch das wenige Gute. 
Kein Programm für die Zukunft wird die 
Entwicklung der Architektur bestimmen, 
der Geist der Zeit, der uns alle beherrscht, 
der uns hindert, alte Stile wieder aufleben 
zu lassen und sprungweise vorwärts zu 
streben, dieser rücksichtslose Geist schafft 
die Werke, welche dem innersten Empfin 
den der Allgemeinheit entsprechen. Wir 
brauchen kein Programm für die Zukunft, 
wir haben ein Programm für die Gegen 
wart viel nötiger. 
Nach den obigen Ausführungen ist uns 
der einzige Weg zur Hebung der gegen 
wärtigen Zustände klar vorgezeichnet. Wir 
müssen die Bildung der Gesamtmasse 
desVolkes mit allen Kräften erstreben, 
damit dieses aus der teilnahmlosen Stumpf 
heit herausgerissen werde und sich die 
Kulturwerte schaffe, welche seinem höheren 
Geiste entsprechen. Da jeder Architekt 
immer von der Allgemeinheit abhängig ist, 
und das Verhältnis zwischen Bauherrn 
und Baumeister dauernd bestimmend sein 
wird, so ergibt sich eben die Notwendig 
keit einer Erziehung des Volkes zu gesun 
den Anschauungen, Tüchtige Architekten 
hat es zu allen Zeiten gegeben, und die ge 
bildete Öffentlichkeit wird sicherlich dem 
Unfähigen keine Aufträge mehr zukommen 
lassen. So wird sich einst eine höher 
stehende spätere Zeit ein würdigeres Archi 
tekturdenkmal setzen, als unsere Zeit es 
für sich vermocht hat. 
Es gilt also, alle Bestrebungen zu unter 
stützen, die darauf hinzielen, eine Besse 
rung unserer gesamten sozialen Lage her 
beizuführen, deren ganzes Elend in der 
Großstadt Berlin am deutlichsten zu Tage 
tritt. Und mit dieser Besserung Hand in 
Hand muß die künstlerische Erziehung des 
Volkes von Jugend an gehen. Damit soll 
aber nicht gesagt sein, daß das gesamte Volk 
aus einem Proletariat von Künstlern, Kunst 
historikern und Kunstkritikern bestehen 
müsse; dem Volke sollen nur die Augen 
geöffnet werden, damit es künstlerisch sehen 
und verstehen, damit es Kunst von After 
kunst unterscheiden lerne. Gewiß herrscht 
unter uns Jungen schon ein anderer Geist 
als jene starre Formel der Hochschule, 
und die Blätter dieser Zeitschrift gehen 
hiervon ein beredtes Zeugnis. Aber die 
Masse des Volkes ist vom wahrhaft neuen 
Geiste noch unberührt, denn verständnislos 
steht es dem Neuen gegenüber und weiß 
nicht, was es von seinen Architekten ver 
langen kann. 
Die Grundforderungen aller Wohnhäuser 
sind überall gleich, sowohl für den Künstler, 
Gelehrten, Kaufmann wie für den gewöhn 
lichen Arbeiter: gesund, ruhig und behag 
lich. Das Wohnhaus soll einem jeden ein 
liebes Heim bieten, in dem sich ein jeder 
wohl fühlt, aus dem ihn kein Bierpalast 
im modernen romanischen oder barocken 
Stile herauslockt, das jeder nach kräfti 
gendem Verweilen in Gottes freier Natur 
freudig aufsucht. Daher muß es unserem 
Empfinden entsprechen und darf nicht 
irgend welchen Weltideen huldigen. Ein 
höher stehendes Volk soll sich aus dem
        
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