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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

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möchte. Berlin mit seinentrostlosen Straßen 
zügen im Osten und Westen, eine Miets 
kaserne neben der anderen, die eine mit 
mehr, die andere mit weniger Gips beklebt, 
zeigt uns das Bild, wie es das soziale 
Elend einerseits und die Prunksucht der 
Besitzenden andererseit im Verein mit un 
sinniger Bodenspekulation, verkörpert durch 
die Schöpfung eines Künstlers, nämlich des 
Architekten, ergeben hat. 
Um nun das Stadtbild zu schaffen, wie 
es die besten unter uns wohl wünschen 
möchten, ist es nötig, auf den Urgrund der 
gegenwärtigen Mißstände, die wohl kaum 
jemand leugnen wird, einzugehen. 
Was heute der Allgemeinheit noch gefällt, 
das ist der alte Stil um seiner Alltäglichkeit 
willen, die eben keine besonderen Forde 
rungen an das Verständnis stellt. Aberweder 
der griechische Tempel, noch der mittel 
alterliche Dom oder der Renaissancepalast 
kann uns als Ideal der modernen Architek 
tur gelten, und außerdem sind auch diese 
Bauten durchaus nicht so vollkommen, wie 
man im allgemeinen anzunehmen geneigt 
ist. Bei allen diesen alten Bauten sehen 
wir, allerdings in höchster Ausbildung, das 
Schema und die Formel, fremden Einfluß 
und Nachahmung als die Grundlagen, auf 
denen sich die Gebäude aufbauen. Es 
widerstrebt nun dem Geist der Moderne, 
dies in gleicher Weise zu tun. Es soll 
aber damit nicht gesagt sein, daß nunmehr 
jeder Künstler von vorn anfangen müsse, 
nein, alle Kunst ist Entwicklung. Wir 
müssen aber am Alten studieren und lernen, 
um die Wirkungen der Verhältnisse und 
Zahlenwerte erkennen zu können; keine 
moderne Stadt vermag uns das zu lehren. 
Deshalb müssen wir uns die alten Städte 
züm Muster nehmen; und wenn uns Schur 
in seinem Aufsatze davor dringend warnt, 
so möchte ich wissen, nach welchen Grund 
zügen wir dann eigentlich bauen sollen. 
Denn gerade bei den Städten der Vergan 
genheit können wir in Anlage, Ausführung 
und Wirkung bewundern, was unseren 
neuen Stadtvierteln so ganz fehlt: nämlich 
die Geschlossenheit und Einheit der Er 
scheinung. Das Wehen dieses Geistes fühlt 
sogar Schur schließlich in den alten Städten 
der Mark, und er gestattet uns sogar, 
„immerhin" diese Zeugen einer ehrlichen 
Vergangenheit zu studieren. 
Der Geist der Zeit hat immer Stil und 
das Alte wird und kann nie wieder auf 
erstehen, Die Entwicklung geht nicht stu 
fenweise hinauf und hinab, sie bleibt immer 
in gleicher Weise ein Ausdruck der je 
weiligen höheren oder tieferen Kultur. 
Die Renaissance in Italien ist ein Produkt 
der bewußten Anlehnung an die Antike 
und doch stellt sie eine eigene Kunst 
dar, die vom Vorbild himmelweit ver 
schieden ist. Jede Zeit, jedes Land, jede 
Stadt hat den Stil, den seine Bevölkerung 
verdient. 
Der schaffende Architekt ist das Werk 
zeug, durch welches die Masse des Volkes 
unbewußt ihre Anschauungen sichtbar 
werden läßt; es herrscht auch hier das 
Gesetz der natürlichen Auslese; denn nur 
der Architekt wird Aufträge erhalten, der 
sich allen Forderungen der Gesellschaft 
unterwirft, mögen diese auch noch so ver 
werflich und häßlich sein. Zwar hängt der 
Einzelne in künstlerischen Dingen durch 
aus nicht von der Allgemeinheit ab, aber 
der Architekt ist stets das Kind seiner 
Zeit; mag er das Alte nachahmen oder ganz 
neu schaffen wollen, immer wird der Zeit 
geist in seinen Werken herrschen. Der 
Zwang der Verhältnisse rechnet aber nur 
in den seltensten Fällen mit dem Können 
und Wollen, mit den innersten Überzeu 
gungen des Schaffenden. Auch die Schöp 
fungen der Architektur regeln sich nach 
dem Gesetz der Nachfrage und des Ange 
botes; es werden nurDinge verlangt werden, 
die dem Geschmack der Masse entsprechen. 
Die verschiedenen Bevölkerungsschichten 
werden sich niemals bewogen fühlen, sich 
nur mit wahrhaft künstlerischen Gehrauchs 
gegenständen zu umgeben, mag der Künst 
ler auch noch so Gutes schaffen, sondern 
sie geben ihr Geld nur dafür aus, was ihrem 
Geschmacks entspricht. Der Fabrikant 
kennt den Geschmack des Käufers aus 
seiner Erfahrung her ganz genau, und er 
wird sich hüten, Gegenstände als Massen 
produktion herzustellen, die stark indivi 
duell sind. Die Erzeugnisse der Fabriken 
müssen eben charakterlos sein, da sie einer 
Masse verschiedener Charaktere sich em 
pfehlen wollen. Das Massenfabrikat ist 
deshalb der Tod jeder wahren Kunst, da 
ihm alles fehlt, was das Kunstwerk zu 
einem solchen macht. Darum ist die An 
sicht Schurs ganz unhaltbar., daß die vom 
Künstler beeinflußten Massenfabrikate den 
Geschmack der Masse heben werden. Und 
wenn einmal eine Zeit kommen sollte, in 
der nur wahre Kunst auf allen Gebieten 
geschaffen wird, was aber niemals eintreten 
wird, so ist durchaus nicht aiizunehmen, 
daß einem jeden nun diese beste Kunst 
gefallen wird. Was mir nicht gefällt, das 
kaufe ich nicht; und aus diesem Grunde 
wird tatsächlich einungebildeter Geschmack 
darauf verzichten, sich mit guter Kunst in 
seinem Heime zu umgeben, und er wird 
sich sicherlich bald diejenigen schaffen, 
welche ihm die ihm zusagenden Gegen 
stände anbieten. 
Und daher sind viele Künstler gezwungen, 
des Verdienstes wegen ihr besseres Können 
zu opfern. 
So ist das Bild unseres heutigen Berlins 
ein beredter Zeuge des herrschenden Gei 
stes der Bevölkerung und wahrlich ein 
trauriger. Da liegt nun der Gedanke nahe, 
daß unseren Architekten der größte Teil 
der Schuld zuzuschreiben ist. Wo und 
wie werden nun unsere Architekten aus
        
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