Path:

Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

BERLIN ALS ARCHITEKTURDENKMAL. 
EINE ENTGEGNUNG von MAX OHLE. 
Seit längerer Zeit können wir beobachten, 
wie sich eine größere Anzahl von Theore 
tikern und Praktikern damit abmilht, die 
gegenwärtigen künstlerischen Verhältnisse, 
deren Tiefstand durch die soziale Entwick 
lung unseres Volkes herbeigeführt ist, durch 
kritische Untersuchungen und Vorschläge 
in die Bahnen zu lenken, welche der Höhe 
unserer sonstigen Kultur entsprechen. Und 
wenn ich in den folgenden Blättern den 
selben Weg beschreite, so geschieht dies 
weniger deshalb, weil ich ihn für einzig 
richtig halte, sondern vielmehr um einem 
Aufsätze von Ernst Schur entgegen zu treten, 
der in dem vorletzten Hefte dieser Zeitschrift 
der Öffentlichkeit übergeben worden ist. 
Der Verfasser des Aufsatzes 
,,Berlin als Architekturdenkmal. 
Ein Programm für die Zukunft“ 
hat die Absicht, positive Forderungen 
möglichst präzis zu formulieren; und 
zweifellos ist dieser Gedanke wert, in 
einem größeren Aufsatze eingehend behan 
delt zu werden, wenn sich auch niemand 
verhehlen wird, daß durch diese Forde 
rungen nur wenig erreicht werden kann, 
zumal wenn sie selbst dem Verfasser nur 
dunkel vorschweben. Bezeichnend ist es, 
daß Schur es absichtlich vermeidet, den 
Weg anzugeben, auf dem er zu seinem 
Ziele kommen will. Jene Forderungen 
sind nun derartig, daß sie jeden zum 
Widerspruche reizen müssen, dem an der 
Gesundung unserer traurigen Architektur 
verhältnisse gelegen ist. Im Übrigen fühlt 
der Verfasser jenes Aufsatzes schließlich 
doch den Drang, in sonderbarer Folge 
richtigkeit einen Weg zur Besserung an 
zugeben, nämlich den großartigen Gedanken 
einer Zentrale für die „immer offenbarer 
werdende Schönheit der Stadt Berlin“. 
Es Hegt in dem Wesen jeglicher künst 
lerischer Entwicklung, daß ihr natürlicher 
Weg hinauf und hinab führt, und daß von 
Ruhe niemals die Rede sein kann; seit dem 
ersten Aufflackern einer Kunstregung ist 
deren Entwicklung nicht wieder unter 
brochen worden, und die von Schur er 
sehnte Ruhe kann uns niemals die Gewähr 
einer Besserung geben. 
Der künstlerisch Gebildete weiß aus dem 
Erscheinungsbilde einer jeden Stadt wie 
aus einer zu Stein gewordenen Chronik 
von dem Geiste der vergangenen Geschlech 
ter und von der Kulturhöhe der noch leben 
den Bevölkerung zu lesen. Jede Straße, 
jeder Platz und jedes Winkelchen sprechen 
zu ihm die Sprache derer, die sie geschaffen 
haben. Wenn dies richtig ist, und daran 
ist wohl nicht zü zweifeln, so müßten wir 
in dem größten Gemeinwesen Deutschlands, 
Berlin, am ausgeprägtesten denGeistunserer 
Zeit und gleichzeitig die Zukunft aller deut 
schen Großstädte und jener, die im Begriffe 
stehen, sich zu solchen zu entwickeln, 
sehen. Die Verhältnisse in den kleinen 
Städten sind ja ganz ähnlicher Natur, nur 
ist dort alles in das Kleinliche übersetzt. 
Zwar ist in der Kleinstadt jedes Werk 
augenfälliger, aber beschränktere Mittel, der 
Zwang und der Klatsch der Gesellschaft, 
Eifersüchtelei und Familienzusammenhang 
lassen hier noch weniger als in der 
Großstadt eine Besserung eintreten. Die 
Großstadt bietet eben so viele Vorteile, 
daß unsere besten Kräfte stets dort tätig 
sein und das Schwergewicht jeglicher kul 
turellen Entwicklung immer dorthin ver 
legen werden. Alle großen Errungen 
schaften, welche die Weit um einen Schritt 
vorwärts brachten, wurden zu allen Zeiten 
in den Großstädten geboren und nahmen 
von dort ihren Zug durch das Land. Es 
wird deshalb hier nur von Berlin die Rede 
sein, da dort die Entwicklung am weitesten 
fortgeschritten ist, (!) und sich in allen deut 
schen Städten wohl ganz ähnliche Verhält 
nisse einmal ergeben werden, wie sie jetzt 
schon in Berlin herrschen. 
Da müssen wir nun leider erkennen, daß 
es mit unserer Kultur nicht so gut bestellt 
ist, wie wir wohl annehmen möchten. 
Unsere Zeit ist so stolz auf ihre jüngsten 
kulturellen Großtaten, daß sie die Achtung 
vor dem Alten beinahe ganz verloren hat; 
rücksichtslos wird dieses dem Untergange 
geweiht, um neuen, häßlicheren Gebilden 
Platz zu machen; und diese Mißachtung 
und Verständnislosigkeit läßt uns auch vieles 
verstehen, was uns bei der Höhe unserer 
Kultur eigentlich unerklärlich erscheinen
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.