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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

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so daß sich aus diesen zeitweiligen Vor 
stößen eine Entwicklung ergibt, die sich 
in den Werken der Tüchtigen dem nach 
folgenden Geschlecht markiert. 
IV. 
Es gilt, den Nachkommen ein Bild unserer 
Arbeit in Stein zu hinterlassen. 
Die Stadt, die der Welt angehört, muß 
anders aussehen, als sie jetzt aussieht. Sie 
sei ein Hort für alle! Als Ganzes ein 
Denkmal, 
Natürlich darf sie sich in ihrer Anlage 
nicht die Städte der Vergangenheit zum 
Muster nehmen. Es ist ihre Aufgabe, ein 
anderes, ein neues zu sein. Wir können 
nicht bauen, wie Jahrhunderte vor uns 
bauten, Wir müssen diesen neuen Cha 
rakter suchen, dann werden wir ihn finden. 
Wir dürfen nicht glauben, daß wir ihn 
schon kennen, Berlin sei die Stadt der 
ernsten Größe, nicht des leichtsinnigen 
Prahlens. 
Natürlich darf Berlin nicht danach stre 
ben, ein baukünstlerisches Schatzkästlein zu 
werden. Die Linien sind ihm vorgezogen. 
Sie sind groß, natürlich, umfassend und 
von allem Kleinlichen befreit. 
Von den alten Städten können wir diesen 
Sinn lernen: sie entzücken uns, weil sie 
nicht alte, überkommene architektonische 
Redeweise nachplappern und in eklektischer 
Vernünftele! hier und da sich allerlei aus 
wählen und Zusammentragen, sie sind 
groß, weil sie in kräftigem Drange neue 
Schöpfungen in die Welt setzten, die aus 
jungen Augen frisch in die Gegenwart 
sahen. 
Berlin hat die freien und großen Linien 
der Weltstadt zu entwickeln. Es muß sich 
von allem Kleinlichen frei machen. Es 
werde der Typus der Weltstadt. Groß, 
wo weite Linien geboten sind. Intim, wo 
der einzelne in Betracht kommt. Wech 
selnd und vielseitig, wie ein solcher Kom 
plex innerlich wechselnd und vielseitig ist. 
Es sei ein Zeugnis all der sozialen, geisti 
gen, künstlerischen Willensrichtungen, die 
in ihm leben. 
Geht in all die Versammlungen, die tag 
täglich hier stattünden — und ihr werdet 
Leben finden und Vorbilder. Hier ist 
manches, was früher und anderswo nicht 
zu finden war. 
In den kleineren Städten, die anfangen, 
architektonisch zu streben (Darmstadt z.B.), 
steht alles auf einem Stand, dem Stand der 
Reichbegüterten, und Luxus ersetzt hier 
Zielsicherheit. Die werde hier gesucht! 
Nicht Ständeprivilegien, nicht Klassenkunst, 
Weltkunst, alle nehmen daran teil. 
Es gilt, die Gemeinsamkeiten, die Zu 
sammenhänge herauszuspüren, die in sol 
chen Komplexen schlummernd ruhen —! 
Setzt sie in Stein um. Hier ist ein unge 
heures Feld von neuen Aufgaben für Gene 
rationen. 
Denn nicht zu kurzsichtig gilt es zu sein, 
sondern langspürig, geduldig, weitsichtig 
und wartend. 
Infolgedessen kann und soll hier nicht 
im einzelnen angedeutet werden, wie 
der Weg gehen muß. Früher verfiel immer 
der, der einen neuen Weg vorschlug, in 
diesen Fehler. Das ist nicht Sache des 
einzelnen. Von Fall zu Fall muß hier ge 
sucht, geprüft, entschieden werden. Ge 
rade das ist das Bezeichnende, das die 
Gesamtheit hier den tönenden Untergrund 
bilden muß. 
Vermeidet die kurzsichtige Monotonie, 
die eurem gegenwärtigen Gleichgewichts 
gefühl vielleicht schmeichelt! Vermeidet 
die Symmetrie und die Vollständigkeit, be 
freit euch von der Sucht, daß alles nach 
eurem Kopfe stimme. Seht die alten Städte 
an — da steht ein Stilgemisch nebeneinan 
der, und doch fühlt ihr die Einheit. Schafft 
etwas, was — in diesem großen Sinne, der 
mit langwidrigen zeitlichen Entwicklungen 
rechnet und darauf Bedacht nimmt — ein 
mal „nicht stimmt“! 
Die Architektur ist eine Gesamtäußerung, 
stammt nicht von einem Einzelnen. Sie 
dient einer Gesamtheit, Das will heißen: 
wohl schafft der Einzelne das Werk. Je 
doch darf er — namentlich in einer Groß 
stadt nicht — nicht nach seinem persön 
lichen Gefallen nur schaffen, sondern viel 
mehr der wird am weitesten Vorsprung 
haben auf der Bahn der Entwicklung, der 
die feinen Anregungen aufnimmt, die die 
Kultur, die Gesamtkultur seiner Zeit ihm 
bietet, der seine Zeit in ihrem innersten 
Werdedrang, der ihr als einer für sich 
stehenden Besonderheit eigentümlich ist, 
eindringlich behorcht, Wer die feinsten 
Ohren hierfür hat, dem wird es gelingen, 
diesem Drang in Stein Form zu verschaffen. 
Wenn wir durch eine alte Stadt hindurch 
gehen, so spüren wir, wenn anders wir 
Empfindung haben für künstlerische Über 
tragung, den Geist, die Kultur einer Epoche 
schon aus den Bauten, denen wir begegnen. 
So ist es gemeint. Das Architekturbild 
einer Stadt ist Zeugnis für den Geist, der 
in ihr herrscht. Aus einem italienischen 
Renaissancepalast spricht deutlich der 
machtvolle Geist und Wille jener Zeiten. 
Ein griechischer Tempel spricht direkt 
durch seine Formen zu uns von der be 
freiten Klarheit griechischen Geistes. Und 
Nürnberg erzählt uns durch das Bild sei 
ner Straßen mehr von der kulturellen 
Veranlagung seiner Bewohner als lange 
historische Untersuchungen. So ist der 
Einzelne immer ein Organ der Gesamtheit 
und je tiefer er zu horchen versteht, um 
so mehr holt er herauf. In diesem Sinn 
ist Architektur, wie überhaupt letzten Gra 
des jede Kunst, eine Gesamtäußerung. 
Das Technische ist Mittel, wie die Buch
        
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