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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

gehende Berücksichtigung, so daß vielleicht 
einmal die Tatsache möglich wird, daß sie 
nicht mehr bloß als Annex der Bilderaus 
stellungen erscheint, So wie die Entwick 
lung jetzt fortschreitet, erobert sie sich 
schon Gebiet um Gebiet, und wenn die 
Allgemeinheit sich erst klar darüber ist, 
welche Verantwortlichkeit die Architekten 
übernehmen, wieviel Freude sie aus einem 
schönen Straßenbild entnehmen kann, das 
eine immerwährende künstlerische Tat dar 
stellt, deren Genuß jedem freisteht, der die 
Augen erheben will, dann wird die Zeit 
auch nicht mehr fern sein, wo die organische 
Reihenfolge der Künste wiederhergestellt 
wird. In der stärkeren Berücksichtigung 
des Kunstgewerbes sehen wir da einen 
weiteren Faktor, der diese Annahme be 
stätigt, Diese Reihenfolge ist: Baukunst, 
Kunstgewerbe (das das Haus innen aus 
stattet und wohnlich macht) und dann erst 
die reine Kunst, die sich dem Ganzen or 
ganisch und dienend einfügen muß. Und 
dieser Reihenfolge entsprechend werden 
späterhin unsere Ausstellungen sich ge 
stalten. Und wenn man bedenkt, daß ge 
rade im Ausstellungswesen sich eine an 
dauernde Unsicherheit bemerkbar macht, 
allerlei Versuche den Grundfehler verdecken 
sollen und der Zufall die größte Rolle 
spielt, dann ergibt sich für den aufmerken 
den Beobachter aus diesem angedeuteten 
Prinzip ein Fingerzeig, wie aus diesem 
Wirrsal herauszukommen ist und wie eine 
Ausstellung geschaffen werden muß, um 
allen Anforderungen zu entsprechen. Auch 
die Anlage einer Ausstellung müßte einem 
Architekten, einem dekorativen Künstler 
Übertragen werden, der die Räume im 
ganzen zueinander ins richtige Verhältnis 
stellt. Das stärkere Geltendmachen deko 
rativer Prinzipien wird auch hier eine 
Neuerung bringen, die dem Ganzen zu Gute 
kommen wird. Und wenn schon jetzt ein 
Architekt die Anlage und Anordnung der 
ausgestellten Zimmer und des Gartenhofs 
einheitlich bestimmt, um wie viel mehr 
tut eine solche Einheitlichkeit einem viel- 
gliedrigen Ganzen not, das ein Ausstellungs 
palast mit Uber 60 Sälen darstellt? 
In der Ausstellung wechseln alte Bilder, 
Reiseskizzen, die der Architekt von alten 
Bauten herstellte, Abbildungen nach Ent 
würfen und schon fertig gestellten Plänen. 
Im Ganzen ein reizvolles Bild, und da 
außerdem noch eine Reihe plastischer Nach 
bildungen vorhanden sind, so ist es den 
Veranstaltern gelungen, ihre Werke in einer 
dem breiteren Publikum entgegenkommen 
deren Weise als bisher zu vereinen. 
Die plastischen Nachbildungen zeigen 
einen Situationsplan der Akropolis von 
Athen von Walger, das Wirtschaftsgebäude 
vom Knappschaftslazarett in Zabrze von 
Hartmann, das in Holz nachgebildet, mit 
seinem hochragenden Mitteltürm einen im 
posanten Eindruck macht. Fein wirkt die 
dritte Arbeit, das „Kunsthaus Zürich“ 
von Rud. Rütschi, eine Reihe Einzel 
häuser im Grünen, rings von Anlagen um 
geben, ein ebenso genaues wie schönes 
Bild. Auch das „gelbe Haus“ (in Char 
lottenburg, Nonnenstraße 6) macht einen 
guten Eindruck wegen seiner nngesuchten, 
großflächigen Wirkung, während derselbe 
Architekt Geßner in dem „Haus Hermann“ 
(Niebuhrstraße) eine wohnlichere Wirkung 
anstrebt, er schafft Winkel und Ein 
buchtungen, Loggien und einen vorsprin 
genden Seitenflügel, wodurch das Ganze 
besonders heimlich wirkt, trotzdem wir es 
mit einem vierstöckigen Mietshaus zu tun 
haben. 
Unter den Arbeiten, die in Skizzen und 
Entwürfen vorhanden sind, ist manche 
tüchtige Arbeit. So erfreut das „Kreishaus 
Anklam“ von Dinklage und Paulus, 
Berlin, durch die Einfachheit seines Auf 
baues und der frontalen Wirkung. Das 
„Stadttheater in Dortmund“ von Dülfer, 
München, macht einen ernsten, geschlosse 
nen Eindruck, der durch die hochstrebende 
Wirkung der nicht mit Schmuck über 
ladenen Mauern vornehmes Gepräge erhält. 
Es ist überhaupt ein gesunder Zug in der 
Architektur zu bemerken, was speziell der 
Berliner Baukunst zu gute kommt. Man 
legt nicht mehr so viel Wert auf Neben 
sachen, ein Bau braucht nicht mehr über 
laden zu sein, um prächtig zu wirken. 
Man sieht mehr aufs Ganze, man will den 
architektonischen Gesamteindruck, nicht 
den ornamentalen Einzelschmuck, man 
kommt also mehr auf das Wesen dieser 
Kunst zurück. So wirkt das Haus „Bendler- 
straße 38“ von Hart & Leaser, Berlin, 
durch die klare Betonung und Gliederung, 
die alle Einzelheiten maßvoll und sinn 
gemäß verteilt. Auch die „Villa im Grune- 
wald“ erfreut durch den ruhigen Gesamt 
eindruck. Dem „Theater Kattowitz“ und 
„Theater Düren“ von Moritz (Cöln) ist 
dies nicht in gleichem Maße nachzurühmen. 
Diese Entwürfe leben von der Vergangen 
heit, während doch gerade das moderne 
Theater dem Architekten der Gegenwart 
neue Aufgaben stellt. In dieser Beziehung 
bietet das „Volkstheater Charlottenburg“ von 
Reinhardt & Süßenguth(Charlottenburg) 
mehr, es ist kräftig in der Gesamtwirkung 
herausgebracht und macht einen monumen 
talen Eindruck. 
Oberhaupt kommt immer mehr das Be 
streben zum Ausdruck, den Bau aus sich 
herauswachsen zu lassen, seinem inneren 
Gedanken, seiner Zweckbestimmung zu 
folgen und nicht äußerlich eine Fassade 
anzukleben. In dieser Beziehung sind zwei 
Entwürfe für Synagogen in Frankfurt a. M. 
interessant, von von Tettau, Berlin, und 
von Reuters & Friedenthal, Berlin. Beide 
zeigen einen strengen Aufbau, namentlich 
der Tettausche Entwurf hat eine eindring- 
licheWirkung, die hochragenden Eckpfeiler,
        
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