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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

DIE GROSSE 
BERLINER KUNSTAUSSTELLUNG. 
Von ERNST SCHUR. 
Bei der diesjährigen Gestaltung der Aus 
stellung ist das Prinzip herrschend ge 
wesen, unter der Fülle des Gebotenen die 
Übersichtlichkeit nicht leiden zn lassen. 
Durch die stärkere Inanspruchnahme des 
Kunstgewerbes, durch Kollektivvertretun 
gen, durch die Separatausstellungen der 
Illustratoren und der Schwarz-Weiß-Kunst 
sind gleichsam Halte- und Ausrühepunkte 
geschaffen worden und es ist durch diese 
Abwechslung dafür gesorgt, daß das Auge 
nicht so leicht ermüdet. Übersichtlich 
gliedert sich das Ganze, das künftig noch 
durch diewichtigeAusstellung der deutschen 
Landschafter des XIX. Jahrhunderts berei 
chert werden wird. Als Neuerung, die zum 
intimen Genuß der Kunstwerke beiträgt, ist 
die Teilung einiger seitlicher Säle in je vier 
kleine Kabinette zu erwähnen, die sich um 
eine mittlere Achse gruppieren. Hier ist 
mit Glück sparsam gehängt worden. Teil 
weise sind die Kabinette der Kleinplastik 
reserviert, die sich hier gut präsentiert. In 
den mit unauffälligem Stoff verkleideten, 
niedrigen Räumen heben sich die Arbeiten 
gut ab. 
Auch sonst ist man bemüht, neuere 
Lehren der Raumgestaltung sich zu Nutze 
zu machen. Wand- und Bodenbekleidung 
stimmen in ihrer Wirkung zu einander. 
Die Wände sind durch einfaches Gebälk, 
das zuweilen eine neue, neutrale Farbe er 
hielt, geteilt und gegliedert. 
Eine weitere Neuerung sind die in diesem 
Jahre ausgiebiger zur Verfügung gestellten 
Räume für Kunstgewerbe, die nicht einfach 
so belassen wurden, wie sie waren, sondern 
dem Zweck entsprechend umgebaut und 
als kleine Kojen eingefügt wurden. Eine 
Reihe fertiger Innenräume gruppieren sich 
um einen Gartenhof. Dann folgt die von 
Prof. Grenander geschaffene Kojenabteilung, 
in der kunstgewerbliche Einzelarbeiten 
untergebracht sind. Der Werkring stellt 
zum ersten Mal aus und hat sich durch 
End eil eine eigene Anlage schaffen lassen. 
Auch der sich anschließende Raum, der die 
dekorativen Malereien enthält, gehört noch 
hierher. Und so läßt sich wohl sagen, daß 
sich nach und nach am Lehrter Bahnhot 
eine Umwandlung vollzieht, die allmählich 
dem Ganzen zu statten kommt. Der An 
fang war seinerzeit mit der Schaffung des 
Architektursaales gemacht worden, in dem 
die Arbeiten gut und übersichtlich hängen, 
ohne durch ein Zuviel zu verwirren. 
Um den kurzen Überblick zu vervoll 
ständigen, sei noch erwähnt, daß in diesem 
Jahre folgende Künstler kollektiv vertreten 
sind: Hamacher, Hermann,Skarbina, Jakob, 
Prell, Altf, Volkmann, Kampmann. Mün 
chen ist durch die Luitpoldgruppe, durch 
die Künstlergenossenschaft, durch den Ver 
ein Münchener Aquarellisten vertreten. 
Düsseldorf erhielt zwei Säle, Dresden (die 
Eibier) einen Saal. 
Die Architektur. 
Die Grundrisse fehlen in der Ausstellung. 
Das ist wohl mit Rücksicht auf das Publi 
kum geschehen, das solche fachmännische 
Detaillierung nicht liebt. Es liegt dem aber 
auch die richtige Überlegung zu Grunde, 
daß diese verstandesmäßige Gliederung und 
Ausnutzung des Raumes innerhalb des 
Baues ausschließlich Sache des Architekten 
ist, der die Wünsche des Erbauers tunlichst 
berücksichtigt. Nach außen aber wendet 
sich das Frontalbild an eine größere All 
gemeinheit und für dies künstlerische 
Gesamtbild, das sich den'Blicken der Vor 
übergehenden darbietet, das mithilft, das 
Straßenbild, das Stadtbild schließlich zu 
schaffen, wollen die Architekten das Publi 
kum interessieren, ihm Einblick geben in 
die verschiedenen Probleme und Möglich 
keiten, in die Versuche, diese Probleme zu 
lösen, wollen es einführen in ein Gebiet, 
das ihm bisher fern lag, das aber für die 
Allgemeinheit so wichtig und notwendig ist, 
und wollen es so dazu erziehen, hier wieder 
Forderungen zu stellen, Schönheiten zu 
suchen. Die Architektur ist eine not 
wendige Kunst, die organisch aus den Be 
dürfnissen des Zusammenwohnens sich 
ergibt und daher gebührt ihr immer weiter- 
3* 
B-A. W.VIII.
        
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