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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

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und ernst, nach unserer innersten Über 
zeugung zu lösen. Das ist das beste und 
sicherste Mittel. 
Dann wird die nachfolgende Zeit ent 
scheiden, was gut und was schlecht an 
unserer Arbeit war. Sie kann es, denn sie 
sieht einen Überblick! 
Nur eins müssen wir fernhalten: die 
nachahmcnde, bequeme Leichtfertigkeit, 
die Scheu, zu bekennen, was wir wollen 
und wonach wir streben. 
III. 
Unsere öffentlichen Gebäude z. B. haben 
oft etwas Protziges, Steifes. Nichts Freu 
diges, Großes, Liebevolles ist an ihnen. 
Ein solches Gebäude ist eine Rechnung, 
keine Schöpfung, Sie zeigen an: hier 
drinnen sitzen Menschen, die täglich ohne 
viel Freude hier hineingehen, ihre Zeit hier 
verbringen und eine Arbeit verrichten, die 
ihnen nichts gibt und der sie nicht viel 
geben. Warum ist das so? Läßt sich nicht 
denken, daß jede Arbeit, in rechtem Sinne 
aufgefaßt, freudig und ehrenvoll ist? Unsere 
Volksschulen z. B. — weshalb werden sie 
zum größten Teile so kasernenmäßig ge 
baut mit so trauriger, niederdrückender 
Physiognomie? Ist es nicht ein schöner, 
lichter Gedanke: hier gehen täglich und 
Jahr auf Jahr Kinder hinein, lernen und 
wachsen und nehmen zu an geistigem 
Horizont, sehen von Tag zu Tag die Erde 
schöner und hoffnungsvoller, die Kinder 
eines ganzen Volkes! Nun wohl — ließe 
sich dieser Gedanke nicht architektonisch 
verwerten, so daß schon das Gebäude an 
sich licht und jubelnd, in schönen Farben 
sich aufbaue? Geben nicht Hofmanns 
Volksschulen ein nachahmenswertes Bei 
spiel? 
• * 
* 
Natürlich liegt der Einwand nahe, daß 
an diesen Verhältnissen nicht die Architek 
ten die Schuld tragen. Das mag sein. An 
zunehmen ist, daß sie lieber ein schönes 
Gebäude, denn einen traurigen Kasten hin 
setzen. Aber es kommt hier nicht so sehr 
auf die Ergründung der Fragen an, wes 
halb die Verhältnisse so liegen und wer 
daran die Schuld trägt, sondern vielmehr 
darauf, positive Forderungen möglichst 
präzis zu formulieren. 
Wo sehen wir in der Front unserer 
öffentlichen Gebäude jene hohe Symbolik, 
die über das kleine, feilschendeAlltagsleben 
hinaushebt? Wo ist da der Jubel? Der 
Jubel, daß wir gerade in dieser Zeit leben, 
die uns umfängt? Wo ist da die Brüder 
lichkeit des Mitempfindens, die Zeugnis ab- 
legen soll von dem echten Geist, der un 
sere Zeit trägt, den die Besten von uns 
zeigen? 
Denkt nur einen Augenblick an die alten, 
griechischen Gebäude, die hoch droben 
auf Felsen in der Sonne thronen! 
Nicht protzige Triumphe gilt es zu feiern, 
sondern eingedenk zu sein: wir haben eine 
Verpflichtung. 
Unsere architektonische Kunst muß erst 
werden, was sie uns sein kann, sie muß 
streben, dieser Geist muß ihr aufgeprägt 
sein. Nicht Bequemlichkeit sei ihre Devise 
und ein Gehen in alten Geleisen ihr Sinn. 
Dann wird sie von selbst echte Würde und 
echten Stolz zeigen. Es wird als Resultat des 
Strebens von selbst nachfolgen, Die äußere 
Gebärde des Triumphes, der Überlegenheit 
verrät nur zu sehr die Anlehnung. Der 
schreit am lautesten, der sich in sicherer 
Hut weiß und den Schritt ins Freie scheut. 
Und diese hohle Herrlichkeit sinkt bald 
zusammen. Sie imponiert nur Uneinge 
weihten. 
Im günstigsten Falle können wir solcher 
Arbeit das Zugeständnis machen, sie sei 
in handwerklichem Sinne tüchtig. Doch 
daneben — neben dieser praktischen Seite 
— will doch die Architektur auch als 
Kunst gewertet sein. Kunst nicht als 
Stilkünstelei aufgefaßt, sondern als Abbild 
der jeweiligen Kultur! Und da versagen 
sie. 
Denn es gilt, den Stil zu suchen, der der 
Stadt Berlin entspricht, einer Stadt, die über 
einige Millionen Einwohner verfügt und 
nehen den großen Weltstädten rangiert, 
Staats- und Stadtgebäude, Bahnhöfe und 
Geschäftshäuser, Fabriken und öffentliche 
Bäder, das sind die Architekturdenkmäler, 
die, in rechtem Sinne aufgeführt, einer 
Weltstadt würdig sind. Die gilt es zu er 
richten, Vor allem: Wohnhäuser, 
Natürlich — wir leiden nicht Mangel an 
solchen Gebäuden, wenn wir nur die 
Zweckbestimmung meinen, der sie dienen. 
Aber spricht die Architektur dieser Ge 
bäude von dem Geist, der uns beseelen 
soll? In wie wenigen Fällen! 
Die Millionenzahl der Einwohner, an de 
ren Spitze ein freier und mutiger Magistrat 
stehen müßte, errichte die Stadt der bür 
gerlichen Arbeit, die Stadt des Fleißes, 
die Stadt des innerlich modernen Strebens. 
Versieht der Magistrat diese Aufgabe? 
Dann muß es die Bürgerschaft selbst 
tun, repräsentiert durch die maßgebenden 
Organe, d. h. die fortschrittlich gesinnten 
und in diesem Zielstreben einigen Archi 
tekten. 
Jeder weiß, daß ihr Weg nicht leicht ist. 
Um so rückhaltloser gebührt ihnen Dank, 
und ihre Arbeit, zu so und so vielen Malen 
an der Mißgunst der Verhältnisse, an der 
Torheit und Borniertheit der Auftraggeber 
und an dem harten Muß gescheitert, dem 
sie sich zu beugen genötigt sind, wird doch 
einmal siegreich sich behaupten, und dieses 
eine Mal wird vorbildlich wirken und unter 
den Jüngeren gleiches Streben wecken, die 
dann ihrerseits wieder fortschreiten können,
        
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