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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

ABB. 1. 
BERLIN 
ALS ARCHITEKTURDENKMAL. 
EIN PROGRAMM FÜR DIE ZUKUNFT. 
Von ERNST SCHUR, 
1. 
Berlin ist nicht nur Residenzstadt, Berlin ist außerdem noch eine Stadt 
des Handels, der Arbeit, des Fleißes in jeder Beziehung. 
Die brennendsten sozialen Fragen werden hier besprochen. Neuerungen 
werden hier erprobt. Versuche hier angebahnt. Kräfte, die sonst an anderen 
Orten aus Mangel an tatkräftiger Unterstützung aufgerieben werden, die nutz 
los verpuffen und untergehen müssen, da sie an ganz falscher Stelle isoliert 
wirken, strömen hier zusammen, und in geeintem Streben finden sie neue 
Sammlung und Mut zum Widerstand und Vorwärtsdringen. 
Berlin ist eine Stadt, die über den Organismus „Staat“ hinaus zur 
„Welt“ strebt. Es soll eintreten in die Reihe der Weltstädte, die, über 
greifend über trennende Schranken, die Welt verbinden, Mittelpunkte größerer, 
umfassenderer Kreise. 
Berlin muß zeigen, daß es gerüstet ist, diese Aufgabe bewußt zu über 
nehmen. Und wenn wir von höherem Standpunkte aus das Leben und 
Treiben dieses gewaltigen Zentrums betrachten, dieses flutende Hin und Her 
der Kräfte, die gegeneinander streben, sich verbinden, sich trennen und in 
diesem Hin- und Widerspiel immer wieder neue Möglichkeiten auslösen, 
dämmert uns das Bild einer neuen Kultur. Diese wird und muß von hier 
ihren Ausgang nehmen. Mag sie aussehen, wie sie will, sie muß hier hin 
durch, Mag sie alte Anregungen wieder aufnehmen, mag sie sich in manchen 
Punkten selbst wieder korrigieren und freundwillig au kleinere Beistände, 
die es leichter haben als diese tumultuarisch brodelnde Stadt, anschließen — 
Berlin ist die äußerste Etappe auf dem Weg gemeindlicher Entwicklung. 
Die, die hier stehen, müssen ein wachsames Auge haben, sie stehen auf dem 
am weitesten vorgeschobenen Posten, allseitig befeindet, allseitig ermahnt, 
aller Augen sind auf sie gerichtet; sie sind nicht mehr bloß Person, Einzel 
person, sondern Vertreter eines Willens, eines Gesamtwillens. 
Es wird uns schwer, uns von der sentimentalen Auffassung frei zu 
machen, als könnten wir hier als Einzelpersönlichkeiten unabhängig die 
Geschicke lenken. Ein solcher Organismus wie Berlin — soll er überhaupt 
lebensfähig sein — entwickelt sich aus sich und wählt die aus, die augen 
blicklich seinem Willen dienen. Fallen sie, so treten andere an ihre Stelle, 
Ad. Hartung. 
B. A. W. VIII, i.
        
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