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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

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es nahe, die dem Theater zugekehrte Seite 
des neuen Geschäftshauses ebenfalls als 
Schauseite auszubilden. Man kann damit für 
den von rechts kommenden Beschauer ein 
interessantes Architekturbild schaffen, aber 
nur dann, wenn man die Vorderfront nicht 
ganz bebaut, d. h. von der Nachbargrenze 
ab bleibt. Diese Gedanken zeigen z. B. die 
Entwürfe von Heidenreich, Kraaz, Jennen 
etc.; der Entwurf von Kuhn gehört ebenfalls 
hierher, wenn er auch den niedrigeren 
Saalbau an die Nachbargrenze heranrückt. 
Andere Entwürfe wie z. B. von Seeling, 
Martens, Hagberg etc., welche die Vorder 
front total bebauen, folgen der Über 
legung, daß das Lessingtheater doch einmal 
fallen und das wertvolle Gelände anders 
bebaut werden wird. Das Gebäude der 
Elektr. Gesellschaft würde auf diese Art 
von beiden Seiten eingebaut. Diese Vor 
aussetzung mag vielleicht allzu prosaisch 
erscheinen, findet aber in der baulichen 
Entwicklung der Großstadt Berlin ihre 
wohlbegründete Erklärung. Die Folge sind 
fensterlose Giebel nach dem Lessingtheater 
hin, die man mit mehr oder minder Ge 
schick zu gestalten versucht hat. Nicht 
unerwähnt soll bleiben, daß die weit über 
wiegende Mehrzahl der Entwürfe von 
dem Standpunkte dieser praktischen Er 
wägungen ausging. Im Preisgericht sind 
die Ansichten darüber anscheinend sehr 
geteilt gewesen. Die erstgenannte Be 
bauungsart hat aber entschieden male 
rischen Vorzug, und das Kuhn’sche Projekt 
nützt durch seinen Vierungsturm die ge 
gebenen Möglichkeiten trefflich aus. 
Sehr verschieden sind zweitens die Ent 
würfe durch die Anlage der Korridore und 
Flure. Das Programm forderte Flure, die 
„geräumig und hell und so angelegt sind, 
daß sie in allen Stockwerken als Warte 
räume und Kleiderablagen für Besucher 
zu benutzen sind“. Die Mehrzahl der Wett 
bewerber hatte eine Anlage von Korridoren 
gewählt, welche Licht und Luft von kleine 
ren Lichthöfen oder Nebenhöfen erhalten, 
und ist dabei der zentral gelegene Lichthof 
mit Korridoren zu beiden Seiten bevorzugt. 
Andere Entwürfe legen die Flure an 
weite Haupthöfe, wodurch wohl eine reich 
lichere Belichtung, aber eine weniger günstige 
Zusammenlegung der Bureaux erzielt wird. 
Wieder andere Entwürfe zeigen einen 
stattlichen Hauptverkehrsflur, von dem sich 
dann die kleineren Korridore abzweigen. 
Dieser Gedanke ist in dem Projekte von 
Heidenreich und Michel soweit getrieben, 
daß der Hauptflur eine große Üppigkeit zeigt 
gegenüber einer unzulässigen Enge und 
Dunkelheit in den eigentlichen Bureau 
korridoren. Und gerade die letzteren sollen 
doch erst recht zum Aufenthalte der Be 
sucher dienen. Wartet doch jedermann 
am liebsten und sichersten unmittelbar bei 
dem Geschäftsraum, in welchem er zu tun 
hat. Korridore aber, die ihr Licht nur in 
direkt durch Glastüren etc. erhalten, wie 
sie z. B. der vorgenannte Entwurf zeigt, 
entsprechen dem Sinne des Programms 
keinesfalls. Das ist ein Fehler, der sich 
mehrfach findet. Und wie ist es mit 
dem Verkehrsgeräusch aut diesen beider 
seitig von Arbeitsräumen umschlossenen 
Fluren? Ich kann mir derartige Räume 
nur als geräuschvoll und zum ruhigen 
Arbeiten höchst ungeeignet vorstellen. 
Für den Zugang zu dem Gebäude ver 
langte das Programm den Eingang für die 
Direktion möglichst getrenntvon demjenigen 
für die Beamten, beide aber übersehbar 
von einer Portierloge. 
Diejenigen Autoren, welche die Front in 
ihrer ganzen Ausdehnung bebauen, sind 
meistens darauf gekommen, einen Mittel 
eingang anzuordnen, der in mehr oder 
minder glücklicher Trennungsweise den 
Verkehr der Direktion und der Beamten 
gleichzeitig vermittelt. Auch in diesem 
Punkte hat sich die oben genannte 
„malerische“ Anordnung bewährt. Sie 
schafft die Möglichkeit, die verschiedenen 
Zwecken dienenden Eingänge erfolgreich 
zu trennen, 
Man vergleiche hierzu die Entwürfe von 
Kuhn, Heidenreich und Michel. Betreffs der 
Anordnung des Kassenraumes und des Vor 
tragssaales — deren Unterbringung in dem 
Bureaugebäude schwierig war — sei auf 
die Grundrisse selbst verwiesen. 
Nicht unterlassen aber darf ich den Hin 
weis auf den Grundriß von Seeling und Sehl, 
der eine monumentale Raumfolge im Erd 
geschoß anstrebt, wie sie kein anderer 
Entwurf zeigt, sowie auf das Projekt von 
Martens, Bielenberg und Moser, das in der 
zweckmäßigen Ausnützung des Bauplatzes 
bei gedrängter Grundrißanordnung wohl 
am meisten leistet. 
Berlin, im April 1905. Ernst Spindler.
        
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