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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

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werden wir für die Zukunft Charlottenburg 
als Musterstadt anzusehen haben. 
Zu einer monumentalen Bereicherung des 
Stadtbildes trugen in diesem Jahre bei der 
Neubau des Kaiser Friedrich-Museums von 
E. Ihne und die Neue Unterrichtsanstall 
des Kunstgewerbe-Museums, Entwurf vom 
Ministerium der öffentlichen Arbeiten, 
Durchführung von Georg Büttner. Be 
sonders lehrreich bei letzterem Bauwerk 
ist die Art, wie auf der Rückseite die durch 
laufenden Geschosse der Magazinräume 
in die Dachkonstruktion eingreifen. Der 
charakteristische Eindruck des neuen 
Kaiserlichen Patentamtes von Solf und 
Wichards wird im wesentlichen bestimmt 
durch die Reihung der Renaissancegiebel. 
Sehr merkwürdig ist bei dieser Architektur 
ein bandartiges Ornament in den Zwickeln 
der Rundbögen unterhalb des Hauptgiebels. 
Von großen Gebäuden ist noch zu nennen 
der Bau der „Komischen Oper“ von Ar 
thur Bib erfeld. 
Ganz ausgezeichnet ist die Unterstation 
der Berliner Elektrizitäts -Werke von 
F. Schwechten. 
Interessant ist bei einer gotischen Back 
steinarchitektur, der Stephanuskirche von 
Adolf Bürckner, wie fremd unserer Zeit 
der gotische Stilgedanke naturgemäß wer 
den mußte. Wer bei einer gotischen 
Monstranzarchitektur die zierlichen Spitz 
türmchen beobachtet hat, die wie in weiter 
Ferne in den unendlichen Luitraum hin 
auswachsen und das Hinausstreben der 
höchsten Spitze verstärken, der vergleiche 
damit die neben der Apsis eingeklemmten 
Türme dieser Kirche. 
Die großen Wettbewerbe um ein Ge 
schäftshaus für die Allgemeine Elektrizitäts- 
Gesellschaft in Berlin und um den Neubau 
des Hotels Aschinger gehörten besonders 
ln der Grundrißlösung zu den anregendsten 
und schwierigsten Aufgaben. Sie zeigen 
gleichzeitig, daß für den Architekten wie 
in keinem anderen Berufe vor allem die 
Beobachtung des Lebens und das Ver 
traut sein mit allen uns denkbaren mensch 
lichen Gewohnheiten zum Haupterfordernis 
wird. 
Von großen Restaurants wird der Neu 
bau „Haus Trarbach“ von Richard 
Walter für die sehr im argen liegende 
Kultur unserer Hotels und Restaurants von 
großer Wichtigkeit. Wie wenig anderseits 
unser Publikum für eine derartige Um 
gebung wie die Riemerschmidsche ge 
schaffen ist, zeigt die eigenartige Orna 
mentik, die sich auf weißen Wänden hinter 
den Köpfen der Gäste gebildet hat. 
Für die Automatenrestaurants bedeutet 
der Bau von Bruno Schmitz gegenüber 
der früheren unmotivierten und wenig er 
freulichen Ausstattung dieser im modernen 
Verkehrsleben wichtig gewordenen Institute 
eine einwandfreie Lösung, Interessant ist 
es hier im Innern die mechanischen Vor 
richtungen, überhaupt die Gesamtausstattung 
mit der älteren zu vergleichen. 
Bei denWohnhäusern behält Alf. J.Balcke 
(Baugesch. J. Frankel) die Säulengliederung 
der Fassade mit vorspringend einge 
schlossenem Mittelerker bei. Die Fenster 
durchbrechung spielt nur eine koordinierte 
Rolle, In einem Wohnhaus von Kurt Berndt 
(Kurfürstendamm 35) werden dagegen die 
Fenster und die vertieft eingebauten Erker 
zu einem wesentlich mitsprechenden Fak 
tor. Man kommt überhaupt mehr und mehr 
zu einer flächen artigen Behandlung der 
Fassade und einer belebten Gliederung der 
Fenster, während das Ganze durch kleine 
Erker und Giebel eine mehr novellistische 
Verbrämung erfährt (Mietshaus Niebuhr- 
straße 78, Albert Geßner). Verwandten 
Charakter zeigt ein Wohnhaus (Schützen 
straße 34 von A, Zabel). Diese Bauart 
bedeutet eine Art von Kompromiß zwischen 
städtischer Mietswohnung und Landhaus, 
eine Verquickung rein praktischer Momente 
mit einer freundlichen Verkleidung, In 
ornamentaler Beziehung führt die Belebung 
der Fassade zu mehr oder weniger ge 
glückten Versuchen, so bei einem Wohn 
haus (Katzbachstr. 15) von Gerrit Emming- 
mann und von A. Waider (Wilmersdorf, 
Nachodstr. 60). 
Arthur Biberfeld gelang eine sehr weich 
empfundene Fassade, die durch die un 
erträglich werdende Bäedermeierei einen 
naiven Beigeschmack erhält. 
Interessant ist die Entwicklung der Archi 
tekten Hart undLesser von einem Wohn 
haus (Annenstr. 3) zu einem Mietshaus ln 
Charlottenburg, doch sind auch hier ge 
wisse Härten nicht vermieden. 
Zu nennen ist hier noch der große 
„Frankenhof“ von Hans Liepe und 
A. Berger.
        
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