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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

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Unsere Ausdrucksweise bleibt dem steten 
Wechsel unterworfen. Wer wird heute 
noch lange Worte machen. Nur das Kurze 
und Knappe hat Geltung, der lapidare Stil 
entscheidet. 
* _ * 
Alfred Messel und Alfred Grenander 
bestimmen im wesentlichen den künst 
lerischen Eindruck. Beide sich gewisser 
maßen ergänzend für architektonische 
Außen gestaltung und Inneneinrichtung. 
Grenander noch besonders veranlagt auf 
ornamentalem Gebiete. Für Berlin ist er 
hier unser am stärksten modern empfin 
dender Künstler. 
Das Messel-Sonderheft der Berliner Ar 
chitekturwelt brachte die interessante Ent 
wicklung des erstgenannten Künstlers. Aus 
neubarockem Empfinden heraus zu neuer 
Selbständigkeit. Neben unvergleichlicher 
Gliederung besonders das Empfinden für 
harmonische Farbenwirkung. Und mit 
Messel als das Wesentliche die Entstehung 
von Vorbildern, die für die handwerkliche 
Veranlagung und für das Gesamtwerden 
von weitgehendster Bedeutung sind. A. Gre 
nander hat bis jetzt nur an kleineren 
Arbeiten sein starkes Wollen zum Aus 
druck bringen können. Aber selbst diese 
zählen zum bedeutsamsten, was in diesem 
Jahre für Berlin geschaffen. In der Zimmer 
ausstellung bei Ball, den Zeitungskiosken 
des Leipziger Platzes und einer Villa in Süd 
ende (das Äußere von Spalding) wird jener 
Ausdruck lebendig, der dem Leben unserer 
Zeit am meisten zu entsprechen scheint. 
Besonders auf ornamentalem Gebiete ist 
die vibrierende Geschäftigkeit unserer An 
schauung in eine vollendete abstrakte Form 
gebunden. 
Ornamentik ist der wesentlichste Aus 
druck einer Zeit. Die abstrakte Formel, 
die unmittelbar orientiert, wie es in dieser 
und jener Zeit aussah. Sie ist nichts Neben 
sächliches oder Gewerbliches. In ihr lebt 
eigentlich erst die von aller Gegenständ 
lichkeit befreite künstlerische Äußerung. 
Ineinandergereihte Motive und mannig 
fach variierte Kleinmuster geben jener auf 
die Unendlichkeit gestimmten Anschauung 
Ausdruck, die für die Vorstellung des 
Zeit und Raum beherrschenden Menschen, 
gleichsam zu einem zweiten Leben außer 
halb der eignen Körperlichkeit geworden ist. 
Es scheint schon viel gewonnen, wenn 
man derart einen festeren Standpunkt und 
Maßstäbe der künstlerischen Weiterentwick 
lung, für Rückstand und Fortschritt ge 
wonnen hat. 
Wenn nicht äußerlich, so kann doch im 
Wesen eine Annäherung an diese ange 
deuteten Anschauungen erwünscht scheinen. 
Viele Worte nützen nichts. Es gilt das 
Wesen der Zeit, ein geheimnisvolles un 
wägbares Etwas lebendig zu machen. 
* * 
Von großen Warenhäusern ist besonders 
der Bau von Lachmann und Zauber 
hervorzuheben in seiner klaren und kor 
rekten Gliederung. Die guten Beispiele 
tuen ihre Schuldigkeit. Wie zu allen Zeiten 
werden die künstlerischen Entwürfe über 
nommen, variiert, in Einzelheiten mehr 
oder weniger liebevoll erledigt. Aber ein 
Kern des Guten bleibt. Das Kaufhaus 
von Georg H. Rathenau und Friedr. 
Aug. Heitmann zeigt eine starke Be 
tonung der auf den großen Glasscheiben 
lastenden Horizontalen, ein Umstand, der, 
wie ein bekanntes Beispiel gezeigt hat, nun 
einmal nicht sehr wohltuend berührt. 
Verwandte Faktoren sprechen mit bei 
einem Geschäftshaus von Altgelt und 
Schweitzer. Von Fassadenänderungen 
für Warenhäuser sei ein Versuch von 
Josef Hoffmann und Kolo. Moser ge 
nannt wegen seiner Eigenart, die mehr 
malerisch wie tektonisch empfunden ist. 
Ein Schulgebäude von Ludwig Hoff 
mann ist ein erfreulicher Fortschritt auf 
dem Gebiete dieser sonst so nüchternen 
und trostlosen Architekturen und um so 
mehr hervorzuheben, als hier so ziemlich 
mit den gleichen Mitteln ein völlig anderer 
freundlicher Eindruck erzielt wurde. Hier 
hin gehört auch die Gemeinde-Doppel 
schule beim Lietzensee in Charlottenburg 
von Paul Bratring und Rudolf Walter. 
Bei dem Neubau des Charlottenburger 
Rathauses ist vor allem das Bestreben an 
zuerkennen, für ein Gemeinwesen eine seiner 
Größe und Entwicklung entsprechende Mo 
numentalität zum Ausdruck zu bringen. 
Wenn auch weiterhin der Bau neuer Stadt 
viertel in die Hände bewährter Künstler 
gelegt wird, wie dies neuerdings geschehen 
soll, und das ist heute nicht mehr schwer,
        
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