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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

B.A.W.V1II. 12. 
FORTSCHRITT UND RÜCKSTAND. 
Von MAX CREUTZ, 
Die architektonische Entwicklung im nun 
mehr vollendeten VIII. Jahrgange der „Ber 
liner Architekturwelt“ schreitet mit gewisser 
Notwendigkeit einem Endziele zu, wie es 
naturgemäß durch die monumentale Ge 
staltung des Stadtzentrums und den leich 
teren landschaftlichen Übergang bedingt 
wird. In der Fülle des veröffentlichten Ma 
terials überwiegt ganz entschieden die 
Architektur der öffentlichen Gebäude und 
die Vorliebe für kleinere Architekturen im 
Stile des Landhauses. Nach diesen Seiten 
geht die Entwicklung. Das Mietshaus 
nimmt eine wenig glückliche Zwischen 
stellung ein. Unselbständig in jeder Be 
ziehung, eingeengt durch eine Anzahl von 
Vorschriften, voller Rücksichtnahme auf 
Umgebung und Lage, ist hier das archi 
tektonische Wollen am meisten beschränkt. 
Einmal soll die Mietsfassade ein monu 
mental-repräsentatives Gepräge aufweisen, 
auf der andern Seite versucht man gewisse 
anheimelnde Momente der Landhausarchi 
tektur in die nüchterne Atmosphäre des 
Mietshauses zu übertragen. 
Beide Anschauungen haben die mannig 
fachsten Lösungen gefunden. 
* * 
Von vornherein scheint es schwierig in 
der Fülle dieser architektonischen Schöpf 
ungen Zusammenhang und einheitliche 
Anschauung und eine Norm für das zu 
finden, was man gemeinhin Stil zu nennen 
pflegt. Von Voraussetzungen allgemeiner 
Natur ausgehend, muß man für Berlin vor 
allem mit jenen undefinierbaren Kräften 
rechnen, die durch den Menschenstrom 
der Großstadt in allen Zusammenhängen 
bedingt werden. Diese Kraftäußerungen 
haben bereits eine Spannung angenommen, 
der man die größten Anforderungen zu 
muten kann. Es bedarf nur der rechten 
Leitung, hier des Architekten in künst 
lerischem Sinne, des wahren „Deutschen 
der Zukunft“, der all diese Kräite wertet 
und in bleibende Monumente unserer Zeit 
verwandelt. 
Mit zwingender Notwendigkeit kommen 
wir zu einer gänzlichen Umänderung 
unseres Stadtbildes. Die Verkehrsstraßen 
deuten eine Anlage großen Stiles kaum 
erst an. Die Größe ist nur ungewollt vor 
handen. Sie liegt in einer Unendlichen 
Reihung kleinlicher Faktoren. Größe und 
Monumentalität müssen jetzt auch im ein 
zelnen zum Ausdruck kommen. Ein jedes 
soll ein großer Teil des großen Ganzen 
sein. Wird der Anfang des 20. Jahr 
hunderts hier ein historisches Monument 
schaffen, stehen wir wirklich im Anfänge 
oder ist die Höhe schon überschritten? 
Wird jener geheimnisvolle Strom sich 
immer wieder erneuern oder im Wechsel 
der Zeiten verschwinden? 
Das, worauf es im wesentlichen ankommt, 
istNeuheit und Knappheit des künstlerischen 
Ausdruckes. Unterscheiden sich hier unsere 
Architekturen wirklich von dem Vorhan 
denen, dem Bestehenden, lebt ein neuer 
Sinn in alten Worten oder bewegen wir 
uns im Konversationstone einer oberfläch 
lichen Geselligkeit. Unbillig wäre natur 
gemäß die radikale Forderung des absolut 
Neuen, des gewollt Modernen. Wir zehren 
tagtäglich von dem, was war, Material, 
Handwerkszeug und Technik sind alte 
Dinge. Nur die Anwendung ist verschieden.
        
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