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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

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entgegensteht, daß eine der so spärlichen 
„Lungen“ von Großberlin der Bauspeku 
lation überantwortet werden soll, wobei 
nebenbei noch eine erhebliche Entwertung 
des benachbarten Grundbesitzes dadurch 
einträte, daß eben durch die Bebauung des 
Gartens seinen Umwohnern die Annehm 
lichkeit eines stillen grünen Erholungsortes 
und eines Luftverbesserers ersten Ranges 
verloren geht. Es scheint denn auch, daß 
diesen Billigkeitsrücksichten Rechnung ge 
tragen werden soll, denn die letzten un- 
widersprochenenNachrichten lauten, daß der 
Stadt angesonnen wird, einenTeil des Parkes 
als solchen anzukaufen, während ein an 
derer Teil als Bauland, also zu erheblich 
höherem Preise, veräußert werden soll. 
Auf diesen Ausgang wird man sich jeden 
falls gefaßt machen müssen. Wer aber 
die nötige Phantasie aufbringen kann, zu 
ermessen, was aus solcher Zerstückelung 
unter der vereinigten Herrschaft der Reiß 
brettparzellierung und des Mammonismus 
herauskommen kann, den muß ein tiefes 
Weh darüber erfüllen, welch eine neue 
Barbarei Berlins Kunstruf belasten soll, zu 
mal hier eine Gelegenheit zu einer Kultur 
tat ersten Ranges vorbeigelassen würde. 
Denn es ist mir ganz fraglos, daß die Auf 
gabe, selbstbei Innehaltung der vorgenannten 
materiellen Vorbedingungen, eine Lösung 
zuläßt, die nicht allein ästhetisch zu be 
friedigen vermag, sondern auch geradezu 
als Sehenswürdigkeit einen neuen geschäft 
lichen Schwerpunkt an jene Stelle der 
Hauptstadt zu rücken vermöchte, sobald nur 
einmal behördliche Schwerfälligkeit über 
wunden und der rechte Mann für den rechten 
Platz gefunden wird. Um diese Aufgaben 
würde sich aber bei einer lebhafteren Be 
sprechung der Angelegenheit in der Öffent 
lichkeit die StadtBerlin nicht herumdrücken 
können, denn ihr, nicht dem Staate, das 
ist mir immer klarer geworden, fiele diese 
ganz einzigartige Aufgabe einer weitblicken 
den Bodenpolitik zu. Ich habe das Ver 
ständnis für das zu Erstrebende in das 
Schlagwort zusammenzufassen gesucht: 
„Einen Markusplatz für Berlin!“. 
Berlin hat keinen einzigen überwältigenden, 
einheitlich architektonisch gestalteten, vom 
Toben des Verkehrs freien Platz mehr. 
Den Fachgenossen braucht das nicht erst 
bewiesen werden. Alle Welt aber weiß, 
welche Anziehung ein solcher Platz bietet. 
Es muß nicht der Markusplatz sein, der 
doch nur für Italien möglich ist; aber man 
denke an den Garten des Pariser Palais 
Royal oder an den noch näheren Münchener 
Residenzgarten und stelle sich dann vor, 
welche herrliche Anlage sich bei einer 
einheitlichen Umbauung des botani 
schen Gartens schaffen ließe. Es wäre für 
unser Klima nicht angebracht, den Baum 
wuchs zu entfernen; es würde sich auch 
entsprechend dem deutschen Sinn für das 
Malerische im Gegensatz zum streng Rhyth 
misch-Monumentalen nicht um eine gleich 
mäßige, akademisch strenge Riesenhofan 
lage, sondern um eine lebhaft gruppierte 
Architekturschöpfung handeln, bei der die 
Erhaltung der schönsten Baumgruppen als 
Programmbedingung eingeschlossen sein 
könnte. Ja, es ließe sich vielleicht auch der 
von Willy Pastor angeregte, mir erst nach 
Abfassung des genannten Rundschau-Auf 
satzes bekanntgewordene treffliche Vor 
schlag der Anordnung eines „Freiluft-Archi 
tekturmuseums“ irgend wie mit der Aufgabe 
verquicken. Diese letztere bliebe immer 
wieder nur die Herstellung einer einheit 
lichen, vom Verkehr abgetrennten, mit 
reichen Läden, Gastwirtschaften, vielleicht 
auch um ein Konzerthaus oder Theater er 
weiterten Platzanlage, die nicht von den 
Zufallsausgeburten reklamesüchtiger Bau 
unternehmerphantasie umschlossen, son 
dern als ein Bild aus einer Hand möglichst 
die ganze Höhe baukünstlerischer Fähig 
keit der Gegenwart verkündete. Der ästhe 
tische Teil dieser Aufgabe wäre der dank 
barste Gegenstand für einen Wettbewerb, 
und es ist gar nicht daran zu zweifeln, daß 
hierbei Lösungen zu Tage kommen könnten, 
die Berlin um eine echt moderne Sehens 
würdigkeit ersten Ranges reicher machen 
und dadurch den sprechendsten Beweis 
dafür liefern würden, daß nur aus einer 
großzügigen Vereinheitlichung ganzer Plätze 
und Straßenzüge das Wesen aller Städte 
schönheit, das Straßenbild, nicht das auf 
fallende Einzelhaus, zu Tage kommen kann. 
Aber der Weg vom Papier in die Wirk 
lichkeit ist freilich schwierig. Unter den 
obwaltenden wirtschaltlichen Verhältnissen 
ist nicht anzunehmen, daß irgend ein großes 
Geldkonsortium „die Sache machen“ würde, 
es sei denn, daß eine Lotterie für den Aus 
fall aufkommt, der aus der Freilassung des 
großen Mittelraumes entstehen muß. Selbst
        
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