Path:

Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

397 
X In einer Sitzung der Vereinigung zur Erhaltung 
deutscher Burgen, die am 13. Dezember im Theater 
saal der Akademie für Musik stattfand, sprach Herr 
Architekt Bodo Ebhardt in Gegenwart des Kaisers über 
„Burgen in Frankreich“. Der Vortrag bildete das Er 
gebnis einer Reise durch das mittlere und südliche 
Frankreich, die der Vortragende unternommen hatte, 
um von den dort erhaltenen Burgen Material für die 
Wiederherstellung jener Teile der HohkÖnigsburg zu 
sammeln? deren eigentliche Bestimmung jetzt nicht 
mehr klar erkenntlich ist. Der Unterschied zwischen 
den deutschen und den französischen Burgen ist ein 
beträchtlicher. Da der kleine Adel in Frankreich von 
den Königen. Herzögen und Grafen abhängig war, 
erbaute er nicht? wie der deutsche, eigene Burgen, 
sondern hauste in denen der großen Machthaber. 
Diese letzteren erbauten Burgen in solchen gewaltigen 
Dimensionen, wie sie in Deutschland nicht zu finden 
sind. Neben den weltlichen Burgen stehen dann die 
geistlichen, die Burg der Päpste in Avignon, die be 
festigten Klöster und Kirchen. Das Charakteristikum 
der französischen Burgen bildete der massige Dungeon 
und die rund herumgehenden kolossalen Mantelmauern, 
die fast die Höhe der Türme erreichen. Interessant 
an den wechselvollcn Schicksalen der französischen 
Burgen ist die Tatsache? daß die Revolution nur zum 
geringsten Teil für ihre Zerstörung verantwortlich zu 
machen ist und daß in seltsamem Gegensatz hierzu 
gerade Ludwig XlJI. und Richelieu in ihren Kämpfen 
mit dem Adel als die größten Burgenzerstörer zu be 
trachten sind. Der Vortragende erläuterte hierauf an 
Hand vorzüglicher Lichtbilder die von ihm be 
suchten Burgen, ihre Bauart sowohl wie ihre Ge 
schichte. Es befanden sich darunter Rou Loches, 
Mont St. Michel, Pierrefonds? Carcassonne, Tarascou, 
Beaucaire, Aignes Mortes und Chinon, berühmt durch 
das Zusammentreffen Jeanne d T Arcs mit König Karl. 
— Die schöpferischen Antriebe der Denkmalpflege 
bildeten den Gegenstand eines Vortrages, den Pro 
fessor Dr. Friedrich Seesselberg, Privatdozent der Tech 
nischen Hochschule in Charlottenburg, am 4. Dezember 
im Architektenverein in Berlin hielt. Der Gedanken 
gang war etwa folgender: Zu den wichtigsten Auf 
gaben eines Kulturvolkes gehört die geordnete Pflege 
seiner idealen Kulturgüter. In dem großen Ringen der 
Völker kann nur dasjenige — selbst nach vielen und 
schweren Niederlagen — schließlich erfolgreich bleiben, 
das nicht nur die Waffen scharf und die materiellen 
Quellen ergiebig erhielt, sondern das namentlich seine 
starke Seele und seinen nationalen Idealismus bewahrte. 
Unter den Kulturgütern, die zur Waehhaltung des 
Idealismus und des Natkmalbewußtseins geeignet sind? 
nehmen die Denkmäler einen bevorzugten Platz ein. 
Aber die Denkmalpflege darf nicht nur konservativen 
Charakter haben, sondern sie muß sich fortgesetzt in 
Willen und künstlerischen Antrieb Umsetzern Denn 
ein Volk? das immer nur das Alte flickt und stützt, 
.müßte uns anmuten wie ein Volk von Greisen, das 
eigener Seelenstärke und Schaffensfr'isehe nicht mehr 
fähig ist und sozusagen seine Memoiren schreibt. Die 
Denkmalpflege hat sich in der Auslösung von schöpfe 
rischen Antrieben auch bereits großzügig bewährt. 
Hoßfelds „Stadt- und Landkirchen“ zeigt u, a„, wie 
getreu diese staatlichen Neubauten den innerlichen 
Gehalt der Denkmäler widefspiegeln, indem sie dem 
Landschaftscharakter, den Gauüberlieferungen ipid den 
Bevölkerungsarten verständnisvoll angepaßt sind. Die 
Seele der Kunst ist hier offenbar erster Grundsatz ge 
worden, und es wäre zu wünschen, daß dieseT Nutzen 
der Denkmalpflege sich auch umfassend auf die aka 
demischen Entwurfsübungen erstrecken möchte. 'Große 
Aufgaben stehen der Denkmalpflege für die Volks 
erziehung noch bevor, Sie werden ihrer Erfüllung 
entgegenreifen? wenn die Denkmäler in den ihrer 
Pflege dienenden Zeitschriften weniger beschreibend 
Und geschichtlich, und mehr noch nach der Seite 
ihrer Antriebskraft betrachtet werden. Das wird — 
unter Einbeziehung in die Volksschulung — nament 
lich der Fall sein, wenn man die körperlichen Denk 
mäler zu Sang, Sage? Sitte, klösterlicher und profaner 
Poesie in ein noch weit engeres Wechselwirkungs 
verhältnis setzte.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.