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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

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scher Entwürfe veranstalten, deretiTheraa 
von den Künstlern frei zu wählen 
wäre. Eine künstlerische Autorität oder 
eine Jury, zusammengesetzt aus geeigneten 
künstlerischenPersönlichkeiten, würde diese 
Entwürfe zu begutachten haben. Der Be 
gutachtung hätte nun die Auswahl einer 
Anzahl von Entwürfen zu folgen. Zur wei 
teren Ausführung dieser Entwürfe müßte 
ihren Urhebern ein angemessener Zuschuß 
aus öffentlichen Mitteln gewährt werden. 
Zunächst würde es sich um die Herstellung 
eines großen Gipsmodelles handeln. Diese 
Gipsmodelle könnten den Künstlern bei 
einer eigens veranstalteten öffentlichen Aus 
stellung Aufträge zur Ausführung in echtem 
Materiale zuwenden. — Die näheren Einzel 
heiten hatten die Gesuchsteller ebenfalls 
entworfen und beigefügt. 
Das Gesuch wurde von allerhöchster 
Stelle dem preußischen Ministerium der 
geistlichen usw. Angelegenheiten hinüber 
gegeben. Von dieser Stelle erfolgte die 
Antwort unter dem 30. September 1905, mit 
dem Hauptinhalte, daß die Sache an die 
Landes - Kunstkommission weitergegeben 
werde. Dabei wurde auch die Andeutung 
gemacht, daß eine energische Vertretung 
der Angelegenheit in der Presse das Ent 
gegenkommen der Behörden gut unter 
stützen werde. Man sieht, die Behörden 
wünschen selber eine Basis innerhalb der 
öffentlichen Meinung, um für ihre Ver 
fügungen möglichst gerechtfertigt zu sein. 
Inzwischen hat die Landes-Kunstkom 
mission durch ihre Tagung vom Januar 
1906 Gelegenheit, sich mit der Sache näher 
zu befassen, was je nach den verschiedenen 
Standpunkten vorteilhaft und auch nach 
teilig sein kann. Vorteilhaft, weil dieses 
preußische Institut über beinahe eine drittel 
Million Mark jährlich zur Verausgabung 
verfügt; nachteilig deshalb, weil solche In 
stitutionen nie ganz frei sind von jenen 
Reibungen, welche die Gesuchsteller eben 
überwinden wollen. Dazu kommt noch, 
daß jene Kommission doch nur eine preu 
ßische Institution ist, während der Kern 
der Angelegenheit keine ländlichen und 
höchstens nationale Grenzen kennt. Ist 
doch bereits die Gründung eines ,,Künstler 
verbandes deutscher Bildhauer“ mit Zu 
ziehung der österreichischen Bildhauer im 
Gang, und zwar gerade wieder durch die 
Bemühungen der mehrgenannten „Bild 
hauer-Vereinigung“ 1 
Uns interessiert die Sache nicht bloß im 
Sinne dieser einzelnen Bestrebungen, son 
dern auch noch in einer weitergreifenden 
Weise. Häufig hört man das Schelten 
darauf, daß Aufträge in irgend einer Stadt 
oder Landesgemeinschaft einem unfähigen 
Protektionskind übertragen werden, und 
den Vorwurf oder Rat, daß statt dessen 
eine weitgreifende Konkurrenz ausge 
schrieben werden sollte. Das sei gut 
demokratisch, das überwinde die persön 
lichen Abhängigkeiten, das stelle die Kunst 
in völlig freie Verhältnisse. — So günstig 
auch dieser Schein ist, so sehr führt seine 
Wirkung doch zum Gegenteil. Der nächst- 
liegende Beweis dafür ist der bekannte Um 
stand, daß auch bei der Konkurrenz 
schließlich unübersehbar viele äußerliche 
Momente den Ausschlag geben, einschließ 
lich geheimer oder öffentlicher Protektionen. 
Selbst ohne solche kommt es häufig dazu, 
daß das künstlerisch Wertvollere hinter 
dem künstlerisch Wertloseren zurücksteht, 
weil dieses sich besser an die gegebenen 
Verhältnisse der vorliegenden Wünsche 
anpaßt. Noch gewichtiger aber ist folgen 
der, uns hier zu allererst interessierender 
Umstand: 
Ein wahrhaftiges Kunstwerk muß aus 
dem Ureigensten des Künstlers kommen. 
Alles Bestellen einer Arbeit so, wie sie ein 
anderer haben möchte, ist geeignet, die 
Ursprungskraft, die der Künstler seinem 
Werke geben kann, zu brechen. Der an 
dere ist ja nicht der Künstler selber; er 
kann nur bis zu einem gewissen Grade 
sich in das hineinfiihlen, was dem Künstler 
zu eigen ist. Und selbst um diesen ge 
ringen Grad zu erreichen, bedarf es einer 
näheren Kenntnis des Künstlers. Diese 
jedoch kann nur dann entstehen, wenn 
dem Künstler Gelegenheit gegeben worden 
ist, so zu arbeiten, wie eben sein Innerstes 
ihn zu arbeiten antreibt. 
Machen wir gleich die Anwendung auf 
unsere Kritik der gebräuchlichen Konkur 
renzen, so zeigt es sich, daß immer noch 
Mittel übrig bleiben, um die anscheinend 
demokratische Allgemeinheit der gebräuch 
lichen Konkurrenzen auf andere Weise zur 
Geltung zu bringen. Wenn eine über ge 
nügend Mittel verfügende Körperschaft oder 
Privatperson den toten Punkt überwinden 
will, den irgend ein vorhandenes Protek 
tionskind odgl. bedeutet, so ist es für sie 
doch nicht allzu umständlich, einen künst 
lerisch gebildeten Vertrauensmann in die 
Ateliers von Künstlern zu entsenden und 
dort die Künstler und ihre Arbeitsanläufe 
gut kennen zu lernen. Dann kann da 
zwischen ausgewählt und schließlich der 
Auftrag gegeben werden. Solche Atelier- 
reisen, wie sie sonst vorwiegend nur von 
Kunstkritikern und von intimeren Kunst 
freunden unternommen werden, könnten 
ganz wohl in das Arbeitsprogramm von 
Kunstkommissionen udgl, aufgenommen 
werden. 
Wird nicht energisch in solchen Richt 
ungen vorwärts geschritten, so kommen 
wir um die alte große Tragik nicht herum, 
daß fortwährend das Angebot des Künst 
lers und die Nachfrage des Publikums oder 
der Auftraggeber aneinander vorbeischießen. 
Weniger bewanderte Leute haben davon 
eben keine Ahnung und glauben entweder, 
daß die Beteiligten gar nicht anders ver 
gehen als im Sinne der Künstler, oder sie 
Aa.W.VIII. !o.
        
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