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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

DIE THEMENWAHL DES KÜNSTLERS. 
Von Dr. HANS SCHMIDKUNZ (Berlin-Halensee). 
Vor kurzem brachten die Tagesblätter 
Mitteilungen über ein Vorgehen der „Bild 
hauer-Vereinigung des Vereins Berliner 
Künstler und der Allgemeinen Deutschen 
Kunstgenossenschaft“. Sie ist seit Jahres 
frist am Werke, das bisherige Konkur 
renzenwesen durch ein besseres zu über 
winden. Statt daß den Künstlern das Thema, 
und zwar meistens sehr eingehend, vorge 
schrieben wird, sollen vielmehr umgekehrt 
die Künstler durch die Konkurrenz die 
Möglichkeit bekommen, die ihnen zusagen 
den Themen, die höchstens in der Richt 
ung eines ganz allgemeinen Zieles bestimmt 
sein dürften, vorzuschlagen, eventuell aus 
zuführen. 
Das Geschichtliche und Textliche an den 
Bestrebungen der „Bildhauer-Vereinigung“ 
bedarf hier keiner näheren Auseinander 
setzung. Genug daran, daß die genannte 
Vereinigung ihre Absichten in einem Pro 
grammentwurfformuliert, sie demnach dem 
Senate der Akademie der Künste zu Berlin 
vorgelegt, von diesem unter dem 24. Mai 
1905 eine überaus freundliche Zustimmung 
erfahren und schließlich die Angelegenheit 
in einem Immediatgesuch an den Kaiser 
und König vorgelegt hat. Dieses Gesuch 
enthält den Kern der in Rede stehenden 
Bestrebungen und verdient, daß wir hier 
seinen Inhalt frei wiedergeben. 
Das Gesuch ging von einer Betonung der 
Tatsache aus, daß die Initiative von aller 
höchster Seite weite Kreise von behörd 
lichen Körperschaften und von privaten 
Kunstfreunden dazu angeregt hat, deutschen 
Bildhauern eine größere Zahl von Auf 
gaben auf dem Gebiete monumentaler Kunst 
zu stellen. Diese Aufgaben haben Aussicht 
auf Ruhm und auf materiellen Gewinn er 
öffnet und dadurch nicht nur zahlreiche 
Künstler nach derZentralstadtdesDeutschen 
Reiches gezogen, sondern auch eine stets 
wachsende Zahl junger aufstrebender Ta 
lente, die sonst andere Wege eingeschlagen 
haben würden, der plastischen Kunst zu 
geführt. Nun haftet aber gerade diesem 
Gebiete der Monumentalkunst das Übel an, 
daß auf ihm einer Betätigung der Leistungs 
fähigkeit verhältnismäßig enge Grenzen ge 
zogen sind. Die monumentalen Aufgaben 
entsprangen vorerst ziemlich ungezwungen 
dem großen nationalen Aufschwünge der 
letzten Dezennien vom 19. Jahrhundert. 
Allgemach jedoch müssen sich gerade diese 
Aufgaben erschöpfen. Die Aufträge solcher 
Art fließen spärlicher und spärlicher und 
wenden sich naturgemäß in erster Linie 
den älteren und bewährten Künstlern zu, 
während die jüngeren Kräfte leer aus 
gehen. Überdies ist das Gebiet der mo 
numentalen Kunst doch immer nur ein 
Teilgebiet der Plastik oder der Raumkünste 
überhaupt. Ein großer Teil der Talente, 
welche nach Betätigung ihres Könnens 
ringen, ist jetzt wie auch in anderen Zeiten 
überhaupt nicht auf das Monumentale ge 
richtet. Solche Talente die es eben nur 
sind, wenn sie ihrer Eigenart leben können 
— sehen sich bei dieser Sachlage natur 
gemäß von Aufträgen jener Art und von 
der größeren Einträglichkeit derartiger Auf 
träge ausgeschlossen. 
Bereits ist die Erscheinung zu bemerken, 
daß zahlreiche jüngere Kräfte trotz aller 
Begabung durch den Mangel an Aussicht 
auf Erfolg entmutigt werden. Ihr ideales 
Streben erlahmt; und zwar insbesondere 
deshalb, weil sie die Kosten der Arbeit 
nicht mehr aufzuwenden wagen. Ihre 
eigenen Mittel sind zu beschränkt, und der 
Einsatz erscheint im Verhältnisse zu der 
Möglichkeit einer Verwertung allzu hoch. 
Handelt es sich doch immer um Arbeiten, 
die ohne erhebliche Kosten, zumal für die 
Herstellung einer größeren Studienarbeit, 
nicht durchgeführt werden können! Ledig 
lich bestimmte Aufträge würden hier helfen 
können. Und die Bildhauer-Vereinigung 
ist überzeugt, daß diese traurigen Verhält 
nisse im Interesse der Kunstjüngerschaft 
wie auch der Kunst selber wesentlich ge 
mildert werden könnten, wenn von aller 
höchster Stelle eängegriffen würde. 
Der Wunsch der Gesuchsteller ging da 
hin, daß die preußische Staatsregierung zur 
Ausschreibung von Konkurrenzen im Sinne 
der Gesuchsteller veranlaßt würde. In 
Zeiträumen von ein bis zu zwei Jahren 
sollte sie allgemeine Konkurrenzen plasti
        
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