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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

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gefleckten und geäugten Schnittflächen ein 
Beispiel von Materialästhetik geben. 
Ähnlich verfuhr Riemerschmid bei dem 
Paneel eines der kleineren Zimmer im 
Trarbachhaus. Erteilte die Holzverkleidung 
durch vertikale Leisten, und diese fassen 
in ihren Zwischenräumen als naturalistische 
Zierate, Rundschnitte mit dem Spiel der 
Baumringe. 
Die Freude am Holz als einem von der 
Hand der Natur dekorierten Stoff erkennt 
man übrigens nicht nur an den Möbeln, 
auch am Spazierstock zeigt sie sich. Wäh 
rend die Zeiten des üppigerenAusschmückens 
die kostbaren Krücken und Knöpfe bevor 
zugten, und das Rohr daran, wenn es auch 
wertvoll war, nur als Träger der luxuriösen 
Objets d’art diente, ist heute der Stock aus 
interessant gemustertem Holz die Haupt 
sache, und der geflochtene Ring, der Gold 
oder Silberbeschlag, der gern wie die 
Sockelfassungen der Wiener Möbel durch 
einen Ausschnitt das Holz hindurchschim 
mern läßt, ist, sei er auch noch so hoch 
wertig, nur ein akzentuierendes Mittel. 
Steigerung der Holzwirkung sucht man 
durch Mischen verschiedener Sorten. Die 
Intarsia ward neu belebt. Aber nicht dar 
stellerisch bildlich. Sie soll nicht sekun 
dären Zwecken dienen, sondern auch 
wieder möglichst materialgerecht wirken. 
Einfach geometrische Muster, Quadrate, 
Schachbrettmotive, der Queen Anne-Rosen 
holzstab, Kreise, Karos, nimmt man oder 
man wählt z. B. als Mittelfijllung einer 
Tischplatte ein besonders apart gezeichnetes 
Holzstück, wie Olbrichs Tisch in einer 
Darmstädter Interieur-Ausstellung bei Keller 
und Reiner zeigte, mit einer Platte aus 
Wurzelmahagoni von einer irisierenden 
Fülle des Geäders. 
Neben der Intarsia erscheint als ein an 
derer Materialdekor die Technik des Aus 
schneidens und farbigen Hinterlegens. Die 
Makintosh und die Wiener lieben sie, und 
Riemerschmid wandte sie im Trarbachhaus 
an; auch hier sind die Formen meist ein 
fach, Vierecke und Ellipsen, und es kommt 
alles darauf an, die unterlegte Füllung in 
der Farbe gut zu der rahmenden Fläche zu 
stimmen. 
Die materialästhetischen Tendenzen er 
zeugten neue ihren Absichten dienende 
Techniken. Das Xylektypon gehört hier 
her. Eine gewisse Übersteigerung des durch 
Beizen gewonnenen Maserungsbildes stellt 
es dar. Was hier nur malerisch sich aus 
spricht, wird dort zum Relief gezüchtet. 
Mittels eines Sandstrahlgebläses wird das 
Holz um die Maserungsfasern entfernt, so 
daß nur ihre Spiralen und verstrickten 
Windungen plastisch in dem Grund stehen 
bleiben. Berlepsch verwendete Xylektyphon 
gern als Füllung für Schränke. 
Etwas Forciertes hat diese Technik für 
mich, sie protzt mir etwas zu aufdringlich 
mit ihrem Naturalismus. Aussichtsvoller 
erscheint mir ein anderes neues Verfahren 
dem ganzen Baumstamm, nachdem seine 
Säfte ausgepumpt sind, mit Farbstoff einen 
neuen Blutumlauf aufzufüllen, der sich 
nun organisch in einem natürlichen Pro 
zesse dem Holz mitteilt. Doch ist diese 
Technik noch vervollkommnungsbedürftig. 
Die ersten Versuche waren in dem Björk- 
zimmer des Werkringes auf der Großen 
Ausstellung zur Schau. 
Wie das Holz, so wird auch Metall gern 
auf den reinen Materialreiz behandelt. Neben 
dem Silber bevorzugt man Eisen, Kupfer, 
Messing. 
Man liebt es nicht, die Wandungen der 
Geräte als einen Grund für die Darstellungen 
bildnerischer Szenen in Gravier- oderTreib- 
arbeit zu benutzen, sondern wieder strebt 
man durchaus danach, statt solcher sekun 
dären Wirkungen die unmittelbaren Reize 
des Stoffes selbst zur Darstellung zu bringen. 
Das geschieht teils durch die Bildung 
großer schöngewölbter Flächen, z. B. bei 
holländischen Teekesseln, die durch die 
Linie ihres Körpers und die organisch ge 
wachsenen Gliedmaßen des Henkels und 
des Ausgusses bestechen, teils durch die 
Behandlung mit Hammerschlag. Solche 
Hämmerung erzeugt vollendete Material 
schönheit. Die Metallfläche empfängt von 
ihr eine bewegte vibrierende lebendige 
Struktur. Man fühlt ihre Streckungen; von 
Nerven scheint sie durchzogen gleich einer 
Haut, kein toter Punkt ist an ihr. Und 
dazu kommt ein ihr Leben steigerndes 
Lichter- und Schattenspiel, das über die 
Fazetten streicht. Meister solcher Hämme- 
rungskünste in allen Tonarten, zart hauchig 
bis zum Wuchtigen, sind die englischen 
Guilds. 
Die Cymbric-Silbergefäße geben ein Bei 
spiel für die leise Behandlung, ihre Flächen 
sind so nuanciert, fast nur gestreift vom 
Hammerschlag, sie wirken, als vibrierten 
sie unter karessanten Fingerspitzen. Und 
als Gegensatz Ashbees Kaminhelme und 
die Kufen für Schirme und Stöcke mit ihrer 
wuchtigen furchigen Narbenmusterung voll 
Energie und Ausdruck. 
Bei Ashbees Schalen und Kelchen finden 
sich — die Wiener Gefäße nahmen das 
gleichfalls auf — oft farbige Halbedelsteine 
verwendet. Manchmal beschreiben sie auf 
einer Fußplatte einen leuchtenden Kranz, 
manchmal dient auch ein solcher Stein als 
Knopf des Deckels, Das könnte beim ersten 
Anblick nach Luxusdekoration aussehen. 
Aber an die Wertsteigerung ist dabei sicher 
am wenigsten gedacht, die Steine sind viel 
mehr auch nur dienende Glieder in der Kom 
position. Sie dienen als Erhöhungspointen 
der Materialschönheit. Ihre Koloristik klingt 
zus am men mit demsc hlmmernd en M etallton, 
diese Steine sind gewissermaßen die be 
lebenden Augen des silbernen Körpers.',
        
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