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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

rikanischen Bureauschränke und Schreib 
tische. Sie freilich haben, vor allem 
durch ihre Farbe, etwas Kaltes, Nüchter 
nes, Geschäftsmäßiges. 
Es war ein kluger Gedanke Friedmanns, 
ihre Zweckkünste etwas artistischer aus 
zubilden. Edlere Hölzer, pikante Material 
wirkungen aus Verglasung, Metall, apart 
geführtem Leistenwerk, schönen groß 
zügigen Beschlägen, japanischen Vergitte 
rungen sind die Mittel dabei und sie, ver 
bunden mit den Finessen einer fabelhaft 
ausgebildeten Zweckmaschinerie, bei der 
„man nur aufdenKnopfzu drücken braucht", 
stellen Muster moderner Ästhetik dar. 
Ein Beispiel aus anderem Gebiet, aus der 
Buchkunst, gehen die Pergamentbände mit 
Bindebändern. Die Bänder sind keine Fri 
sur, sondern Notwendigkeiten. Sie halten 
die leicht verziehbaren und witterungsemp 
findlichen Pergamentdecken fest zusammen. 
Diese Notwendigkeit wird aber zu einem 
Zierat, wenn die Bänder in einer zum 
Pergament besonders schön stimmenden 
Farben-Nuance ausgewählt und, wie die 
Wiener es lieben, in einer Vierecksaus- 
schnitt-Musterung durch die Decken ge 
zogen werden. 
In der Buchbindekunst ist übrigens solch 
Dekor durch technische Konstruktionsmittel 
gute Tradition. Die erhöhten Bünde, die 
auf dem Rücken das Feste Gefüge des Buch 
körpers betonen und dabei seine Fläche 
energisch gliedern, gehören hierher. 
* « 
* 
Es geht aus diesen Ausführungen hervor, 
daß für unsere angewandte Kunst der Be 
griff des Dekors oder des Schmucks haupt 
sächlich im Betonen des Charakteristischen 
liegt, darin jedem Dinge den sichtlichen 
Ausdruck seines Wesens und seiner Eigen 
schaften zu gewinnen, also das, was Goethe 
in der Dichtkunst die „innere Form“ nannte. 
Zum Ausdruck desWesens und der Eigen 
schaften gesellt sich als nicht weniger wich 
tig der Ausdruck des Stoffes, aus dem ein 
Ding gebildet. Daß dieser Stoff sich echt 
und unverfälscht bekennt, ist gar nicht so 
selbstverständlich; die Zeit der Surrogate, 
da es nicht darauf ankam, woraus etwas 
war, sondern wonach es aussah, scheint 
noch nicht überwunden. Derselbe böse 
Geist regiert dies Scheinwesen, der, wie wir 
am Anfang des vorigen Kapitels sahen, die 
Dinge nicht in der Bescheidenheit ihrer 
natürlichen Bestimmung beläßt, sondern 
ihnen schiefe dopp eldeutige Mummenschanz 
rollen aufzwingt. 
Die gesunden Tendenzen unserer Bewe 
gung streben aber sicher und bewußt nach 
dem, was man den Materialstil nennen 
könnte. Wiedererweckung des ästhetischen 
Sinnes für das Schöne eines Materials in 
seinem natürlichen oder, was durchaus le 
gitim, durch organische Mittel gesteigerten 
Charakter. 
Der Materialstil bildet ein grosses Kapitel 
in unserem Kunstgewerbe. 
Wenn man von ihm spricht, dann denkt 
man vor allem an die reiche und vielsei 
tige Kultur des Holzes. 
Statt der plastischen bildreichen Ornamen- 
tierung von Holzflächen, die schließlich etwas 
Sekundäres ist, entspricht uns heut mehr der 
r ei nere naturgemäßere Holzstil, dersichinder 
Materialwirkung, in der Intarsia-Mischung 
verschiedener Hölzer oder in dem Mase 
rungsspiel gewählter Schnitte ausspricht. 
Und besonders spielt die Ä-eude an 
solcher Runen- und Ornamentschrift der 
Natur eine große Rolle. 
Es gibt ein reiches Repertoire solcher 
Holzmusterungen. Sie werden mit farbigen 
Beizen behandelt, die ihre Eigenschaften 
nicht übertünchend verfälschen, sondern 
sie ausdrucksvoll betonen, ihnen eine Art 
„Multiplication de l’individualite“ verleihen, 
Mannigfache Temperamente finden sich. 
Weiche kosige Nuancen hat das silber 
graue Ahorn; zu einem delikaten Capriccio 
wird die Weise der tupfigen Vogelaugen 
spielart. Eiche und Erle zeigen markige 
Keilschrift, Sehr pikant ist die Cypressen- 
fläche. Sie reagiert eigener auf die Beize 
als manche andere Hölzer. Die eigentliche 
Maserungsfaser nimmt nämlich die Beize 
nicht an, Sie bleibt also in ihren natür 
lichen Farben, je nach dem Alter gelb bis 
zum schildpattartigen Braun im graugrün 
gebeiztem Untergrund stehen und zeichnet 
darin labyrinthische Charaktere, Toorop- 
sche Linienphantasien. 
Ein derb-lustiges Holz, buntgesprenkelt, 
für kräftig rustikale Wirkung ist Zirbel, 
hell mit unregelmäßigen braunen, wie ein 
gebrannten Augenflecken. Blockhaus- und 
Jägerstimmung hat dies Material. Und die 
Süddeutschen, Pankok, Bruno Paul, Riemer- 
schmid, verwenden es gern. 
Neu entdeckt wurde die koloristische 
Kraft der Birke mit ihrem leuchtenden hell 
gelben züngelnden Flammenspiel, und noch 
üppiger gleißt und glänzt die schwedische 
Birke, die in ihrem silbrigen Moireegeäder 
an Onyxstruktur erinnert. Das Musik 
zimmer Stoevings bei Wertheim zeigte dies 
kostbare Material in richtigem Licht. 
Die Freude am Holz in seiner natür 
lichen Materialschönheit wurde froh und 
kräftig auf der Pariser Weltausstellung 
durch das Jagdzimmer der Münchener 
Werkstätten verkündet. Sein Paneel, ohne 
Schnitzerei, ohne alle sekundäre Zutat, 
war ein tafelförmig gegliedertes Rahmen 
werk und in jedem Viereck saß als Füllung 
eine lebhaft gemusterte Holzplatte. 
Das war für diesen Raum sehr glücklich 
gefunden. Eine Waldstimmung kam von 
diesenWänden, eine Atmosphäre des Baum 
schlags, man blickte daraui mit ähnlicher 
Freude, wie man im Forst die aufgeschich 
teten „Meter“ der Baumstämme sieht, die 
auch mit ihrer Fassade aus wechselnden
        
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