Path:

Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

36o 
Eindrücke, die gleichzeitig bequeme Griff 
hantierung ermöglichen und eine hübsche 
belebte Flächengliederung darstellen. 
| Ähnlich ist die schmuckhafte Zweckten 
denz in einer Messingklinke ausgesprochen. 
Die schmale, lange Türplatte empfängt eine 
Pointierung durch die Schraubenköpfe, die 
sie befestigen, sie ergeben in ihrer Anord 
nung ein einfach natürliches Ornament, 
Und der Griff, der aus schmalem Ansatz 
wächst, sich biegt und breit entwickelt, 
hat durch diese schmiegsame, der Hand 
eingepaßten Linie Zweckmäßigkeit und zu 
gleich — das Auge glaubt an seine Taug 
lichkeit und Gelungenheit — ästhetischen 
Reiz. 
Weiter lassen sich solche Beobachtungen 
an Bilderrahmen machen. Hier ist ge 
wöhnlich die Anhängeöse der wunde Punkt. 
Man verlegte sie gern an die unsichtbare 
Stelle der Rückwand. Unsere angewandte 
Kunst liebt aber das Versteckspielen nicht, 
sondern das Bekennen, und gerade die Auf 
gabe reizt, aus all den Eigenschaften, die 
in den Atrappenzeiten als Naturfunktionen 
schamhaft verborgen wurden, jetzt charak 
teristisch betonte Wesenszüge zu machen, 
aus der Not die Tugend. 
So erhält die breite Holzleiste des Rahmens 
einen diskret angepaßten Metallbeschlag, 
und seine Bänder bilden in freier Entwick 
lung dann die Verschleifung, an der das 
Bild aufgehängt wird. 
Aus der Not eine Tugend machen, diese 
zweckästhetische Tendenz kehrt oft variiert 
wieder. Besonders ausgebildet hat sie 
van de Velde. Was andere verstecken 
und durch auffrisierten „Schmuck“ be 
mänteln, das rückt er gerade ins Licht, ja 
es wird für ihn der Ausgangspunkt für die 
ausdrucksvolle Gestaltung. 
In schlechten Zeiten geht man vom 
Schmuckmotiv, vom Ornament aus, und 
in das fertige Kostüm müssen sich die 
Dinge hineinpassen lassen. Heute sieht 
man sich voraussetzungslos die Aufgabe 
auf ihre Eigenschaften, auf was es ankommt, 
an. Das wird ausdrucksvoll betont in der 
Ausführung, so entsteht eine wahrhaft von 
innen herausgebifdete Form, eine Wesens 
physiognomie. 
Als van de Velde die Inneneinrichtung 
eines Friseurladens zu komponieren hatte, 
da machte er aus den sonst verborgenen 
Zuleitungsrühren für die Brennapparate 
und für die Spülbecken ein lebendiges 
Linienspiel auf den Holzpaneelen, und 
bei seinen letzten Arbeiten, den Fächern 
der Friedmann-Weberschen Ausstellung, 
ging sein Dekor darauf aus, auf dem Blatt 
des Fächers, auf seiner Haut, seine Struktur, 
seine Gliederung zu betonen. Die normale 
durchschnittliche Fächerbehandlung ver 
leugnet meist das Skelett, das Stab werk 
und die Zusammenfaltungsfunktjon, Sie 
behandelt das ausgespannte Blatthalbrund 
als Einheitsfeld und bedeckt es mit Bild 
zierat, das beim Zusammenlegen des 
Fächers dann zerdrückt und verschoben 
wird. Van de Velde aber, seinem Kon- 
strüktionsgedanken getreu, behandelt nicht 
die Blattfläche, sondern den Einzelstab. 
Er entwarf ein Stickereimuster, das in 
seiner Konturführung auf dem Seidenblatt 
den Lauf des Stabes aus dem schmalen 
Ansatz bis zum breiteren Abschluß betont 
und sich von Stab zu Stab wiederholt. Hier 
wird deutlich das Ornament zum Ausdruck 
einer Wesenseigenschaft, und dies Beispiel 
lehrt zugleich, wie solche tektonische, 
konstruktive Behandlung durchaus nicht 
nüchtern und puritanisch zu sein braucht. 
Denn die delikate Farbenstimmung, die 
Abtönung dieser Liniengebilde zu dem Unter 
gründe, das ruhevolle Ensemble voll Ein 
heit und Gleichmaß, ganz in sich gesammelt 
und stimmend, ist von erlesenem Reiz. 
Noch mancherlei gehört in dieses Kapitel. 
Die Tische der Wiener Werkstätte, deren 
kräftiges Sockelfundament, mit gehämmer 
tem Messing beschlagen, dem Möbel ein 
steigerndes Schmuckmotiv ist und den 
Füßen dabei eine bequem zu benutzende 
Stütze. Überhaupt diese Wiener Mon 
tierungen, die den Unterbau der Schränke 
schützend umkleiden und bei diesem Nütz 
lichkeitsdienst eine originell wirksame 
Nuance in den Holzstil bringen, zumal wenn 
auf der Breitfläche des Metalls ein schmaler 
Linienausschnitt geführt wird, so daß das 
gemaserte Holz als Füllung im Metall liegt. 
Von den Benzonkronen muß hier auch 
gesprochen werden, die zuerst aus der 
Wesensart des elektrischen Lichtes die 
formale Wirkung gewannen und die Leucht 
körper frei an Schnüren hängend vorführten 
als reizvoll pendelnde Lampignonspiele. 
Das ist dann viel variiert worden. Riemer- 
schmid wandte es u. a. im Trarbachhaus 
an, und phantasievoll mit musikalischem 
Rhythmus sind die IlluminatLonskünste 
solcher schwebenden Lichterreigen bei den 
Makintosh und den ihnen verwandten 
Wienern. 
Moderne Schrankgliederungen wären zu 
erwähnen, die ihre Fassade nach dem Ge 
setz der modernen Hausfassade zum deut 
lichen Abbild ihrer inneren Teilung machen 
und durch die Kombination der Kasten- 
und Türfüllungen, der vertikalen und hori 
zontalen Fächerungen, durch die hellen 
Akzente der Metallgriffe, Ringe und Schlösser 
einen lediglich durch die Gebrauchsfaktoren 
bewirkten lebendig angenehmen Augen- 
eindruck machen. Die Freude am „ge 
ölten“ präzisen Funktionieren, an der fixen 
Grifffertigkeit spielt hier mit, die Befriedi 
gung am technisch Vollendeten, die wir 
äuch den modernen Maschinen gegenüber 
haben. 
Die Möbel, die den markantesten Aus 
druck des Maschinenzeitalters in ihrer Prä 
zision, in ihrem federnden Mechanismus 
auf einem Griff darstellen, sind die ame
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.