Path:

Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

324 
heit, die vorbildliche gärtnerische Anlage 
mit den einfachen Springbrunnen {die hier 
ihre Berechtigung haben, im Gegensatz zu 
ihren Kollegen auf dem Gensdarmenmarkt, 
die man als ein Zuviel empfindet), die freie 
Mittelfläche — das alles schließt sich zu 
einem herrlichen Eindruck zusammen. Er 
ist unser Stolz heute noch! Wer weiß, 
wie er aussehen wird, wenn das Redern- 
sche Palais erst niedergerissen ist und dem 
gefürchteten Hotelbau Platz gemacht hat, 
oder wenn gar, was Gott verhüten möge, 
das Brandenburger Tor einst „freigelegt“ 
ist — ein Plan, der die Kurzsichtigkeit und 
empörende Geschmacklosigkeit unserer 
Zeit so evident erweist, daß man noch nicht 
an seine Ausführung glauben kann. 
Ein ähnliches Projekt ist das des Ab 
bruchs der Schinkelschen Torhäuser am 
Leipziger Platz. Er würde nur zur Folge 
haben, daß dessen Schönheit in die uferlose 
Häßlichkeit des Potsdamer Platzes aufgeht, 
ohne dem Verkehr zu nützen, der sich 
schließlich doch in die Enge der Leipziger 
straße zwängen muß. Der Leipziger Platz 
teilt mit dem Pariser die Eigenschaft, daß 
sich nur eine Straßenader mitten durch ihn 
hinzieht, während rechts und links die 
Häuser fest aneinandergeschlossen sind. 
Er besitzt auch einen botanischen Schmuck, 
der Beifall verdient. Die Rasenflächen und 
die schönen, einzeln stehenden Bäume er 
geben einen wohltuenden Anblick, und man 
braucht hier wahrlich keine „geschlängel 
ten Spazierwege“ einzuführen. Eher könnte 
man die allzu üppig gewordenen Flieder 
büsche, so schön sie im Frühling sind, ein 
wenig reduzieren, das Gitter niedriger, we 
niger drohend gestalten und die alten Sand 
steinkandelaber von der ehemaligen Opern 
brücke sinnvoller anordnen. Daß die Har 
monie des Häuserrahmens sich langsam 
auflöst, ist wohl an dieser Stelle das heftig 
sten Verkehrs kaum zu umgehen, erfüllt 
jedoch mit Schmerz. Messels Wertheimbau 
trägt, namentlich durch seine Höhe, mit 
dazu bei; doch wollen wir hier nicht 
murren, da uns dafür einer der schönsten 
modernen Bauten geschenkt worden ist, die 
die Welt besitzt. Aber wie wird nun die 
Entwicklung weiter gehen, nachdem schon 
an anderen Stellen des Platzes ohne solche 
Entschuldigungsmöglichkeit die alte Dach 
gesimslinie rücksichtslos durchbrochen ist? 
Der Belle-Allianceplatz schließlich, ein 
Altersgenosse des Pariser Platzes aus der 
ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts und 
mit ihm um ein Menschenalter älter als 
der Leipziger, ist weniger gut fortge 
kommen als jene beiden. Er ist ganz 
schematisch zerlegt, ohne Rücksicht aut 
Schönheit und auf die praktische Seite. 
Wer vom Halleschen Tor nach der Linden 
straße oder Wilhelmstraße gehen will, dem 
sei verraten, daß der nächste und am we 
nigsten ärgerliche Weg — um den Platz 
herum führt! Es wäre tatsächlich der Er 
wägung wert, ob man nicht diesen großen 
Platz in der Weise radikal umgestalten 
sollte, daß man einen breiten Fahrweg in 
die Mitte legte, der sich an der nördlichen 
Seite in eine dreizackige Gabel spalten 
müßte, um den Zugang zur Wilhelm-, 
Friedrich- und Lindenstraße für den Wa 
genverkehr zu öffnen, während man die 
dann nicht vollen Halbkreis-Fahrdämme 
der Peripherie erheblich verengern könnte. 
So würde die Karusselfahrerei um den 
Platz herum ein Ende haben, und überdies 
würden die Spaziergänger und Benutzer der 
Bänke zur Rechten und zur Linken ein 
wenig Ruhe finden können, während sie 
jetzt überall von ohrenbetäubendem Lärm 
umbraust sind. 
Die übrigen Plätze der neuen Stadtteile 
und auch der älteren, mit Ausnahme etwa 
des ruhigen und angenehmen Michaelkirch- 
platzes, können leider nicht viel Schönheit 
auf bringen, Ihr Typus ist der Potsdamer 
Platz, dies Schmerzenskind der Berliner 
Stadtverwaltung. Wie er, sind sie alle weni 
ger Plätze als Straßenkreuzungspunkte, und 
von dem, was Wesen und Wirkung eines 
Städteplatzes ausmacht, ist nichts zu finden. 
Auch der Alexanderplatz hat sich so ent 
wickelt; ursprünglich ein Paradeplatz mit 
gutem Häuserrahmen, ist er jetzt nichts 
als ein wüstes, unfreundliches, unorgani 
sches Terrain, das nur eben nicht bebaut 
ist. Es würde den Rahmen dieses Auf 
satzes sprengen, wollte man die Möglich 
keiten seiner Umwandlung darlegen. Eben 
so muß dieser an Seufzern reiche Über 
blick darauf verzichten, den Leser aus der 
Stadt hinaus nach dem Königsplatz zu ge 
leiten, um an diesem Musterbeispiel die Ver 
kehrtheit einer nach der Zeichnung auf dem 
Papier und nicht nach lebendig-künst 
lerischem Gefühl entworfenen Anlage im 
einzelnen nachzuweisen. 
An diesem Platz des kaiserlichen Berlin 
ist es vielleicht auf lange Zeit hinaus oder 
gar für immer schlechthin unmöglich, die 
begangenen Fehler wieder gut zu machen. 
An anderen Stellen freilich ließe sich dies 
wohl erreichen, wenn — — ja wenn!
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.