Path:

Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

den alten Aspekt des Schlosses ein wenig. 
Und den Begas-Brunnen hätte man viel 
leicht besser auf die östliche Hälfte des 
Platzes gestellt, das Antlitz des Neptun 
gegen Westen, als in die Reisbrettmitte, 
wo er den freien Blick auf das Schloß be 
hindert. Aber das sind immerhin keine 
Sünden wider den heiligen Geist des Platzes, 
dessen Kraft und Stolz doch gewahrt blieben. 
Die Niederlegung der alten Domkirche, die 
bis 1747 auf der Westseite des Schloßplatzes 
zwischen Brüder- und Breitenstraße stand, 
mag man aus manchen Gründen bedauern; 
dem Platz als solchem kam sie ebenso zu 
gut wie die frühere Entfernung der Stech 
bahnanlage, der Krambuden und der 
Neringschen steinernen Kaufläden. 
Schlimmer ist es zwei Paradestücken 
fridericianischer Städtekunst ergangen; 
dem Opernplatz und dem Gensdarmen- 
markt. Der Opernplatz ist eine unserer 
herrlichsten Anlagen, ja eine der schönsten 
Anlagen der Welt. Er ist ein veritabler 
Saal, zu dessen verständiger Abrundung 
sogar das neunzehnte Jahrhundert wider 
seine Gewohnheit einen Beitrag lieferte: 
das Gebäude der Dresdner Bank, archi 
tektonisch kein Ausbund an Schönheit (wenn 
auch kein Verbrechen), schließt, nament 
lich durch seine richtig abgemessene Höhe, 
die Südseite ohne Zweifel fester, man 
möchte sagen „luftdichter“ ab als die an 
sich gewiß reizvolleren alten Häuser an 
dieser Stelle, die kleiner waren und eine 
etwas zerklüftete Masse darstellten. In 
dessen die Neuzeit hat sich beeilt, diese 
versehentliche Verbesserung schnell wieder 
„auszugleichen“, indem sie durch Auf 
schüttung des kleinen Hügels für das Denk 
mal der Kaiserin Augusta und völlig un 
gehörigen „Gartenschmuck“ die Wirkung 
des Opernplatzes total annullierte. Wenn je 
ein Berliner Platz sich dazu geeignet hätte, 
einfach mit großen Steinquadern als reine, 
keusche Fläche gehalten zu werden, dann 
war es dieser verhältnismäßig kleine Raum, 
an dem der große Strotn des Verkehrs seit 
lich vorbeiflutet, und der selbst so wenig 
in diesen hineingerissen wird, daß man 
ihn auf seiner westlichen Seite bis heute 
ohne eignen Fahrdamm lassen konnte. 
Die Ruinierung ist hier so vollkommen ge 
glückt, daß selbst die traurigen Aussichten 
auf den Abbruch des Knobelsdorffschen 
Opernhauses und auf den zu erwartenden 
Neubau des geplanten Riesentheaters, das 
die umliegenden Gebäude um die Kleinig 
keit von 12 bis 15 Metern überragen und 
damit die gesamte Harmonie dieser Haupt 
stelle des Linden-Trakts vernichten wird, 
den Opernplatz als Platz nicht noch mehr 
schädigen können. Nur die mit dem feinen 
Effekt einer scheinbaren Willkür in die 
Ecke gesetzte Hedwigskirche — wo wagt 
man das heute? — wird dann noch we 
niger als Schlußstück eines freien Aspekts 
gelten können denn heute. 
So radikal konnte man dem Gens- 
darmenmarkt seine Wirkung nicht rau 
ben. Seine Anlage hat eine innere Größe, 
die sich durch alle Fährnisse hindurch 
behauptet hat. Dennoch hat das letzte 
Halbjahrhundert so viel getan ihn zu 
narren, wie nur in seinen Kräften stand. 
Hier gestattete die Größe des Platzes, 
der ehemals eine Esplanade zwischen 
dem Neustädtischen und Leipziger Tor 
war, dann als „Lindenmarkt“ und als 
„Neuer Markt“ figurierte, nach dem Ab 
bruch der Ställe und der Hauptwache des 
Regiments Gensdarmes (1773 und 1782) eine 
architektonische Besetzung großen Stils. 
So fügte man an die bescheidenen älteren 
Gebäude der Französischen und der Neuen 
Kirche aus dem Anfang des achtzehnten 
Jahrhunderts — die heute der Schablone 
zu Liebe und aus Mangel an Gefühl für 
den Reiz der Kontraste „würdigeren“ Neu 
bauten gewichen sind — die unvergleich 
lichen Gontardschen Turmbauten. So er 
richtete Schinkel an der Stelle, wo schon 
seit 1774 ein Gebäude für das französische 
Schauspiel und seit 1801 Langhans’ Hof- 
und Nationaltheater stand, sein Schauspiel 
haus, in der Mitte des Platzes, aber mit 
klugem Takt gegen die Kirchen etwas nach 
hinten gerückt. Ringsum zogen sich und 
ziehen sich im großen Ganzen noch heute 
Häuserlinien, die, ein paar schrille Disso 
nanzen abgerechnet, eine gewisse Einheit 
aufweisen. Falsch war es jedoch, in diese 
imposante, stolze Pracht das Schillerdenk 
mal hineinzusetzen. Es verhindert den freien 
Blick auf Schinkels schöne Freitreppe, die 
auch jetzt, wo sie kaum mehr benutzt wird, 
architektonisch noch als Treppe gelten 
müßte. Daß man Schiller vor das Schau 
spielhaus setzte, war ein literarischer, aber 
kein künstlerischer Gedanke. Man braucht 
nicht die Denkmäler dort aufzustellen, wo 
sich derartige innere Beziehungen ergeben, 
wenn es künstlerisch zu schiefen Resul 
taten führt. In Brüssel hat man Egmont 
und Hoorn nicht auf den Markt gestellt, 
wo sie hingerichtet worden sind, sondern 
auf deu kleinen Zaavelplatz. Hätte man 
den Gensdarraenmarkt mit zwei Stand 
bildern geschmückt, die etwa das Schau 
spielhaus flankiert hätten, so ließe sich 
darüber reden. Aber eins in die Mitte vor 
das Theater zu stellen, war ein Fehler. 
Und nun die Gartenanlagen! Nirgends in 
Berlin sind sie so verfehlt wie hier. So 
lange der Platz noch als Markt benutzt 
wurde, sah er zehnfach besser aus. Ja, 
es ergab sich durch das Gewimmel vor 
der Schinkelschen Freitreppe und um das 
Schillermonument ein recht malerisch be 
wegtes Bild. Jetzt hat man hier den freien 
Zugang zu den breiten Treppen der Turm 
bauten versperrt und neben dem Theater 
ganze botanische Gärten „aus dem Boden 
gezaubert“, die nicht frühzeitig genug wie 
der fortgeräumt werden können. Man sende
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.