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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

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ln vertikaler Richtung zu betätigen, jetzt 
freudig die Möglichkeit begrüßt, sich zur 
Abwechslung und Erholung im Horizon 
talen ergehen zu können. Erst in zweiter 
Linie kommt die Frage in Betracht, ob 
und in welcher Weise der Schmuck des 
Platzes nicht nur in der harmonischen Aus 
gestaltung seines Rahmens, sondern auch 
in einer besonderen Dekorierung der Fläche 
selbst liegen soll. In Berlin hat man sich 
während der jüngst vergangenen Jahrzehnte 
in den meisten Fällen viel zu viel und ohne 
genügende Diskretion mit dieser letzten 
Frage abgegeben; so sehr, daß man das 
Wichtigste darüber vernachlässigte. 
Gesündigt namentlich hat man in der 
gärtnerischen Ausschmückung. Sie war 
früher Sache der königlichen Tiergarten- 
Verwaltung, die sich aber seit 1875 auf den 
Lustgarten, den Opernplatz und den Kö- 
nigsplatz beschränkt und die Sorge für die 
übrigen Plätze der städtischen Parkdepu 
tation überlassen hat. Die beiden Instanzen 
dürfen sich also in die Vorwürfe teilen, die 
man gegen diese Seite ihrer Tätigkeit er 
heben muß. Die Plätze des fridericiani- 
schen Berlin kennen keinen gärtnerischen 
Schmuck. Selbst jene Zeit, die doch in der 
Park- und Gartenkunst so Großes leistete 
und auch bei uns, in Potsdam wie in Berlin, 
außerordentliche Proben ihres Geschmacks 
abgelegt hat — man denke an den Mon 
bijou-Garten oder an Tiergartenpartien, wie 
die von Chodowiecki geschilderte Prome 
nade an den Zelten —, selbst jene Zeit 
hat darauf verzichtet, den Saalcharakter 
der Plätze durch botanische Anlagen zu 
verwirren. Sie stimmte darin nur mit allen 
den Epochen überein, denen die berühm 
testen Plätze der Welt ihre Entstehung 
verdanken. Die Plätze an der Peterskirche 
und an der Porta del Popolo in Rom, der 
Markusplatz in Venedig, die Place de la 
Concorde in Paris, der Rathausplatz in 
Brüssel und die kostbaren „Grandes places“ 
der anderen flandrischen Städte suchen ihre 
Schönheit zunächst und vor allem in der 
Harmonie ihrer Ausmessung wie der um 
gebenden Bauwerke, in den klug abge 
wogenen Verhältnissen, in denen diese, 
Wohnhäuser wie monumentale Gebäude, 
zu einander und zur Größe des Platzes 
selbst stehen. 
Von den Berliner Plätzen aus frideri- 
cianischer Zeit sind nur wenige bis heute 
ganz frei geblieben, darunter einige alte 
Märkte, wie der Molkenmarkt, der Werder- 
sehe Markt Und der Köllnische Fischmarkt, 
die freilich so klein sind, daß wir sie heute . 
kaum mehr recht als Plätze empfinden,4i ; 
sondern in ihnen mehr verbreiterte Straßen-^!, 
kreuzungen sehen. Der Molkenmarkt, derj-T 
älteste Berliner Platz, der darum auch in*, 
den frühesten Urkunden, vom Ende des' 
13. Jahrhunderts an, als „der alte Markt“ joj;: 
bezeichnet wird, ist gleichwohl heute nochLfe 
nicht ohne Reiz. Seine unregelmäßige drei 
eckige Gestalt hat eine Intimität und Ge 
schlossenheit, die noch von dem Behagen 
mittelalterlicher Städtebilder Zeugnis ab 
leg, Auch er besaß einmal einen Schmuck, 
wenn auch keinen gärtnerischen: in frühe 
ster Zeit stand hier wahrscheinlich die Ro 
landbildsäule, und im Jahre 1728 ließ Fried 
rich Wilhelm I. auf dem Molkenmarkt 
die nach Schlüters Modell gegossene Bild 
säule seines Vaters aufstellen, die dem 
Platz vorübergehend den niemals populär 
gewordenen Namen Königsmarkt eintrug, 
iedoch nach kurzer Zeit wieder fortgenom 
men und ins Zeughaus gebracht wurde. 
Der Werdersche Markt, d. h. der Platz vor 
dem 1672 von Simonetti erbauten, 1794 
niedergebrannten Werdcrschen Rathause, 
und der Köllnische Fischmarkt, der Mittel 
punkt der Schwesterstadt Berlins, wo einst 
der alte Derfflinger wohnte, können in 
ästhetischer Beziehung heute kaum mehr 
mitsprechen, nachdem die schönen alten 
Häuser, von denen sie ehemals umgeben 
waren, längst vom Erdboden verschwun 
den sind, während die neuen auf alles 
andere eher Rücksicht nahmen als auf die 
künstlerische Wirkung der Plätze. 
Ähnlich steht es mit dem Haakeschen 
Markt, der erheblich später, 1751, bei der 
Niederlegung der „Contrescarpe“, d. i. der 
äußeren Böschung, vor dem alten Span 
dauer Tore, bebaut wurde, und an dem 
Friedrich der Große wenige Jahre darauf 
durch Unger acht dreistöckige Häuser er 
richten ließ, um die Anlage abzurunden. 
Ähnlich auch mit den beiden Plätzen, die 
aus den rechts und links von dem alten 
Leipziger Tore gelegenen Bastionen der Be 
festigungswerke des Großen Kurfürsten 
entstanden sind; mit dem Spittelmarkt und 
dem Hausvoigteiplatz. Vom Haus voigteiplatz 
sagt nochNicolai in der dritten Auflage seines 
unschätzbaren Werkes über Berlin und 
Potsdam (1786), er sei von „lauter ansehn 
lichen Häusern umgeben“. Die großen Ge 
schäftsgebäude, die heute dort stehen, geben 
keine Erinnerung mehr an dies alte Bild; 
auch die Reichsbank kann nichts mehr 
retten. Der Spittelmarkt ist vollends charak 
terlos und zerrissen geworden. Das uralte 
Gertraudten- oder Spitalkirchlein, das zwar 
oft restauriert worden war, aber in seinen 
Grundmauern aus dem Anfang des fünf 
zehnten Jahrhunderts stammte, ist 1881 ab 
gebrochen worden. Es bildete, da cs gerade 
der Mündung der Leipzigerstraße gegen 
über lag, einen ganz hübschen Abschluß 
dieses langen Straßenzuges, der sich heute 
in ein Nichts auflöst. Doch man darf hier, 
wo der enorm gewachsene Verkehr sein 
Recht verlangte, kaum eine Klage erheben, 
ebensowenig wie über den Abbruch des 
Gertraudtenhospitals, das den Spittelmarkt 
nach Süden hin abschloß, aber 1872 bei der 
Anlage der Beuthstraße schwinden mußte. 
In allen diesen Fällen hat die Entwicklung 
der inneren Stadt zu einer Geschäfts-City
        
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