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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

ABB. 377. 
BERLINER PLATZE. 
Von MAX OSBORN. 
Die Berliner Architektenschaft hat vor 
einiger Zeit für ihre Jünger zum Wettbewerb 
um den Schinkelpreis die Aufgabe ausge 
schrieben: einen Platz für eine deutsche 
Stadt zu entwerfen. Es ist gewiß kein Zu 
fall, daß man gerade auf dies Thema ver 
fiel. Denn je weiter und schneller unsere 
Großstädte sich ausdehnen, um so unerträg 
licher wird der gott- und kunstverlassene 
Schematismus, nach dem im allgemeinen 
innerhalb der neu erstehenden Straßenzüge 
die Plätze angelegt werden. Und von der 
Ratlosigkeit, mit der die Gegenwart diesem 
Problem gegenübersteht, wendet sich der 
Blick zu den älteren Plätzen unserer Städte 
zurück, um in allerlei nachdenklichen Be 
trachtungen ihre ursprüngliche Gestalt und 
ihre spätere Gestaltung gegen einander ab 
zuwägen. 
Nirgends tritt der traurige Gegensatz zwi 
schen der reifen Städtekunst der Vergangen 
heit und dem geringenTalent unserer Zeit für 
diese Kunst deutlicher hervor als bei solchen 
„Platzfragen“, und nirgends wieder wird 
diese Erkenntnis handgreiflicher als in der 
Reinkultur aller modernen Architektur 
sünden, welche die Hauptstadt des Reiches 
darstellt. Berlin gleicht in dieser Hinsicht 
dem berühmten kranken Kinde aus dem 
Schaufenster der Geschäfte für Bandage 
artikel und chirurgische Instrumente; es 
gibt kein Leiden, an dem es nicht krankt 
oder wenigstens bis vor kurzem gekrankt 
hat. Und das Kapitel von den Berliner 
Plätzen ist eins der lehrreichsten in dieser 
Krankheitsgeschichte. 
Bis der moderne „Aufschwung“ einsetzte, 
war Berlin wirklich eine schöne und reiz 
volle Stadt, und seine Plätze hatten an 
diesem guten Eindruck keinen geringen 
Anteil. Betrachten wir etwa die Rosen- 
bergschen Kupfer, die um das Jahr 1780 
entstanden, so erfreut sich unser Auge nicht 
zuletzt an den prächtigen offenen Sälen, die 
im iridericianischen Berlin aus den Häuser 
massen der werdenden Großstadt auftauch 
ten. Und wieder fragen wir uns: welcher 
Teufel hat uns im neunzehnten Jahrhundert 
dazu verleitet, auch hier kostbares Besitz 
tum mutwillig zu gefährden oder gar zu 
zerstören? 
Was am meisten geschadet hat, ist die 
Unsicherheit und die barbarische Ungenüg 
samkeit in der „Ausschmückung“ der alten 
Plätze, Es ist und bleibt die erste Aufgabe 
eines städtischen Platzes: eine freie, doch 
in sich geschlossene Fläche zu sein und 
sich als solche auch zu dokumentieren. 
Das ergibt sich zunächst aus seiner prak 
tischen Zweckbestimmung, als Markt und 
als Sammelort der Bürger, in ältester Zeit 
auch alsGerichtsstätte, überhaupt als Mittel 
punkt des öffentlichen Lebens, zu dienen. 
Darin beruht aber auch sein ästhetischer 
Reiz für das Auge, das nach der Einengung 
des Gesichtskreises in den Straßen nun 
den Blick ungehinderter entfalten will, nach 
dem Zwang, sich gewissermaßen dauernd
        
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