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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

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Willkür herrscht. Nur der Empfangsraum 
Grenanders und das Mackintoshzimmer sind 
in dieser Beziehung musterhaft. 
Bei den Stühlen von Kleinhempel liegt 
ein Drittel der geschwungenen seitlichen 
Lehnen unmittelbar auf dem Polster, so 
daß noch ein Teil des Sitzes nach beiden 
Seiten außerhalb der Lehne vortritt. Wer 
sich also, ohne hinzusehen, setzt, kommt 
mit dieser in unliebsame Berührung. 
Als ganzes bedeutet diese Ausstellung 
nach der Entwicklung der letzten Jahre 
vor allem in der Verwendung des Materials 
und der vertieften Kenntnis seiner Eigen 
schaften wieder einen bedeutenden Fort 
schritt. 
Es kann nicht genug hervorgehoben 
werden, daß eine Firma wie Ball hier 
Künstler ersten Ranges herangezogen hat. 
Wenn andere Firmen folgen, so wird Berlin 
bei der bekannten Vorzüglichkeit der hier 
üblichen technischen Ausführung in erfolg 
reiche Konkurrenz besonders mit eng 
lischen Fabrikaten treten können. Noch 
immer jedoch sind die meisten der ausge 
stellten Arbeiten zu kostbar. Noch fehlt 
uns das in den heutigen sozialen Verhält 
nissen, besonders der Großstadt, wichtigste: 
das gute und billige Bürgermöbel. So 
lange wir noch diese Möbel mit der un 
mittelbaren trivialenVorstellung des Kosten 
standpunktes anstaunen und in Versuchung 
kommen, Kostbarkeit des Materials mit 
ästhetischer Wertschätzung zu verwech 
seln, kann von einer allgemeinen allen 
Forderungen gehorchenden künstlerischen 
Kultur noch nicht die Rede sein. 
Gegenüber allem jedoch, was wir bisher 
in Berlin an Ausstellungen von Innenräu 
men zu sehen gewohnt waren, wirkt diese 
Ausstellung in der Fülle und Mannigfaltig 
keit des wechselnden Eindruckes verblüf 
fend. Die Differenzierung des verschiede 
nen Strebens, die wechselnde Art des ein- 
geschlagenen Weges erklären den Reiz, 
den diese Ausstellung besonders durch ihre 
Frische im Wachsen und Werden ausübt. 
Und wie der eigentliche Reiz im Streben 
nach einem Ziele nicht im erreichten Ziele 
selbst ruht, so wird auch hier, wo das 
Gewünschte zum Teil noch nicht erreicht 
ist, das Interesse umso lebendiger, weil 
überall ein Kern guten Wollens durch 
dringt. 
Man würde einzelnen Künstlern einen 
schlechten Dienst erweisen, wenn man 
diesen Umstand unerwähnt ließe. Im 
Wechsel der Jahrhunderte läßt sich der 
Wandel des Stiles selten in einer Zeit von 
dreißig Jahren meistens erst im Verlaufe 
eines halben Jahrhunderts feststellen. Trotz 
des schnellen Fortschrittes unserer Ent 
wicklung ist es also aus zeitlichen Rück 
sichten unmöglich den in jeder Beziehung 
vollendeten Ausdruck schon heute erreicht 
zu haben.
        
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