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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

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wird vielleicht, wenn auch in sehr beschränk 
tem Maße möglich sein, gewisse Wirkungs- 
faktoren für moderne Neubauten zu über 
nehmen. Im allgemeinen jedoch sind die 
Forderungen und Bedürfnisse des modernen 
Menschen besonders nach Licht und Luft 
derart andere, daß die alte Bauart mit 
ihren primitiven Ansprüchen, kleinen Fen 
stern, niederer Decke usw.,schwerlich damit 
im Einklang steht. Auch würde hier der 
gleiche Fehler wie mit der Herüber 
nahme alter Stilformen begangen werden. 
Wenn Paul Schultze-Naumburg seine an 
mutigen Beispiele und Gegenbeispiele zu 
sammenstellt, so sieht er ungerechterweise 
von den künstlerischen Qualitäten völlig 
ab, um seinen guten Beispielen durch 
Assoziationen des Alters, der Umgebung 
und einer gewissen Romantik schon an 
sich einen natürlichen, jedoch zufälligen 
Vorzug einzuräumen. 
In ganz anderer Weise können wir da 
gegen von der englischen Lebensgewohnheit 
und ihrer architektonischen Fassung lernen. 
Aus diesem Vorstellungskreise heraus hat 
Hermann Muthesius in seinem Buche „Das 
englische Haus“ (Ernst Wasmuth A.-G., 
Berlin) und neuerdings in einem Vortrage 
des Berliner Kunstgewerbevereins die Bedin 
gungen und die Anlage des modernen Land 
hauses im Zusammenhänge mit den sozialen 
und wirtschaftlichen Forderungen erörtert. 
Vor allem handelt es sich darum, den 
neuen Bedingungen des Wohnens auch 
im Äußern Rechnung zu tragen. Für Berlin 
zeigen besonders die ville nb auenden Terrain- 
ge Seilschaften, wie wenig heute künstlerische 
Gesichtspunkte für den Hausbau für nötig 
gehalten werden. Diese arbeiten meist 
mit billigsten Kräften und setzen dann 
Villen in die Welt, die an Geschmack 
losigkeit alles überbieten. Im allgemeinen 
rechnet Muthesius allzustark mit den mehr 
wie bemittelten Klassen. Heute wäre es 
wichtig, derartige Unternehmungen, vor 
allem für Villenkolonien mit kleineren 
Häusern, für Menschen ins Leben zu rufen, 
die nicht „nur über drei Dienstboten“ ver 
fügen. Gerade der gesunde Mittelstand ist 
heute dem ungebildeten Geschmack völlig 
hülflos ausgesetzt. Wichtig wäre vor allem 
auch die Anlage von Arbeiterkolonien und 
von großen Aufenthaltshäusern mit Lese-, 
Turn- und Baderäumen, wie dies in England 
und in Amerika zum Beispiel in Buffalo 
für die unbemittelten Klassen in erfreulich 
ster Weise geschehen ist. 
Für die bürgerliche Wohnungskunst ist 
heute so gut wie nichts geschehen. Vor 
allem fehlt uns eine gesunde und ehrliche 
Anschauung, die den Forderungen einer 
größeren Mehrheit entgegenkommt. Wie 
richte ich heute meine Wohnung billig 
und doch geschmackvoll ein? Wie gestalte 
ich die einfachsten Mittel zu einem künst 
lerischen Ganzen? Es gibt hier der 
Möglichkeiten unendlich viele und doch 
wurde bis jetzt kaum an einige gedacht. 
Auf der vorletzten Düsseldorfer Ausstellung 
boten einzelne von der Firma Krupp aus 
geführte Arbeiterwohnungen in vieler Be 
ziehung reiche Anregung. Die villenartigen 
Gebäude entsprachen im allgemeinen einem 
in Kolonie Alfredshof in Essen mehrfach 
zur Ausführung gekommenen Wohnsystem. 
Jedes Haus enthält zwei getrennte Wohnun 
gen von je vier Räumen mit allem Zubehör. 
Die ganze Bauanlage war neben dem 
anheimelnden Eindruck der roten Ziegel, 
der weißen Wände und grünen Fensterläden 
im höchsten Grade zweckentsprechend. 
Die ausgestellten Wohnungseinrichtungen 
waren musterhaft. Bei ihrer Auswahl ging 
man von dem Gesichtspunkte aus, dem 
Arbeiter eine Wohnung zu zeigen, die zum 
gleichen Kostenpreise wie die sonst üblichen 
Möbel ohne überflüssigen Zierat behaglich, 
zweckmäßig und schön ist. Die Ausführung 
mußte in echtem Material und einfacher 
konstruktiver Form gehalten sein. In Ver 
bindung mit gut gewählten Farben ist so 
ein Muster einfacher gediegener Innenräume 
geschaffen worden. Besonders günstig 
wirkten die in Dunkelgrün gehaltenen Möbel 
des Tischlermeisters Schild, Berlin, aus- 
geführt nach Entwürfen von Mieritz, Wil 
mersdorf. Interessant waren auch die 
Wandbilder, die man billigen Zeitschriften 
entnommen hatte. Der Preis eines Bildes 
bis zur Größe von 50 cm schwankt zwischen 
5 Pfg. und 2 M., was bei der heutigen 
Leistungsfähigkeit der vervielfältigenden 
Techniken erklärlich ist. Auch der Preis 
der ganzen Wohnung und Einrichtung er 
scheint erstaunlich wohlfeil. Nach den 
Ausführungen in Essen betragen die Bau 
kosten 9350 M, Die einzelnen Möbel sind 
entsprechend billig. 
Hier also wäre für neue Wbhnungs- 
kolonien ein Präzedenzfall geschaffen.
        
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