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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

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illustriert). Eine Anschauung, gegen die 
zunächst nichts einzuwenden wäre. Aber 
man übersah, daß hinter jeder Linienführung 
ein bestimmt ausgesprochener Stilgedanke 
schlummert, der in allen Bauteilen zum 
Ausdruck kommen muß. So vermischte 
man in völliger Harmlosigkeit mit goti 
schen, in den Luftraum hänauswachsenden 
und durchbrochenen Bauformen ge 
schlossene Bauwirkungen der romanischen 
Kunst oder der Renaissance, die völlig ent 
gegengesetzten Charakter tragen. 
Besonders beliebt wurden Renaissance- 
Giebel mit allerlei Figurenwerk, Gestalten, 
die den Arm frei in den Luftraum hinaus 
streckten. Eine Vermischung des realen 
Luftraumes mit dem immerhin idealenKom- 
plex des Baues, der an die gröbsten Pano 
ramawirkungen erinnert. Besonders für 
Rathäuser wurde diese Art in Verbindung 
mit lang hinaus gezogenen stachlichten 
Giebeln und Türmchen zu einem wenig 
empfehlenswerten Typ, Die gleiche Neigung 
zeigten in kunstgewerblichen dekorativen 
Zutaten Schmiede- und Bronzearbeiten, 
die, in völlig verwandter Art mit den Metall 
arbeiten des 16. Jahrhunderts, im Über 
wuchern von Scheinelementen dieküostliche 
Materialbeherrschung darzutun suchten. 
Eine gewisse gemütvolle Art in der Anbrin 
gung von dekorativen Jagdfriesen, Putten 
szenen, symbolischen Vorgängen, Guir- 
landen und Eichenlaub kam hierbei der 
deutschen Veranlagung entgegen. 
Inzwischen ist man von dieser äußer 
lichen, auf Schein berechneten Art so ziem 
lich abgekommen. Der Unterschied zwi 
schen den beiden großen Ausstellungshallen 
auf den Weltausstellungen von Paris und 
St. Louis zeigt im Verlaufe von kaum vier 
Jahren den allgemeinen Wechsel der An 
schauung. Völlig verschwunden ist die mo 
derne, stark bewegte und verschlungene 
Linie, die als ,,lebendige Linie“ schon eine 
komische Rolle zu spielen begann. 
Wer diesen Wechsel der Anschauung im 
heutigen Berlin erleben will, kann an den 
letzten Neubauten der Friedrichstraße einer 
seits eine vollendete künstlerische Material 
behandlung, anderseits die schlimmste Un 
kultur unmittelbar nebeneinander sehen. 
Alles in allem würde es zu weit führen, 
die ganze Regellosigkeit und überzeugungs 
lose Willkür der verschiedenen Kombina 
tionen aufzuführen. Selten nur hebt sich 
aus dem allgemeinen Wust eine klare Ab 
fassung heraus und erst in den beiden letzten 
Jahren kann man von einer wirklich 
durchgebildeten künstlerischen Anschauung 
reden. 
Die ganze Verwirrung und Planlosigkeit 
in der Anwendung der verschiedensten Bau 
formen ist als Zeichen unserer Zeit von 
tiefgehender Bedeutung. Die Schnelligkeit 
der Entwicklung und die Fülle verschieden 
artigster Forderungen mußten von vornher 
ein eine Nervosität heraufbeschwören, die 
eine Vertiefung im Einzelnen zunächst 
unmöglich machte. Allmählich jedoch sah 
man soviele Renaissancegiebel, Säulenfas 
saden und Kombinationen überkommener 
Motive mit nur unwesentlichen Varia 
tionen, daß man anfing, über den gleich 
gültigen Eindruck dieser Architekturen 
nachzudenken. So kam ganz von selbst 
eine gewisse Vertiefung und ein Eingehen 
auf die Forderungen der heute lebenden 
Menschheit. Wenn man noch vor kurzem 
von Baumeistern sprach, die, als die besten 
Kenner einer alten Stilart, Bauwerke einer 
beliebigen Zeitepoche auf Bestellung liefer 
ten, so hat man inzwischen einsehen ge 
lernt, daß die Ausdrucksformen alter Kul 
turen untergegangen sind mit den Menschen, 
die sie geschaffen, daß architektonische 
Formen im letzten Grunde identisch sind mit 
der Sprache lebendiger Menschen, die nur 
selbst erlebte Empfindungen und Anschau 
ungen vermitteln können. Mit diesem 
Gesichtspunkte mußte alle äußere Routine 
in der Beherrschung alter Vorbilder und 
alle Scheinarchitektur verschwinden. 
Ein vorläufig theoretischer Umschwung 
der Anschauung vollzog sich mit der Welt 
ausstellung in St. Louis, als ein größerer 
Kreis mit den Zweckbauten auf amerika 
nischem Boden Fühlung gewann, Hier 
boten sich für die Neugestaltung des öffent 
lichen Lebens völlig neue Gesichtspunkte. 
Die Amerikaner besitzen vor allem Frei 
heit von der Formenwelt alter Kulturen, 
eine Anschauung, die für uns erst unter 
mancher Kraftvergeudung zu erreichen ist. 
Als treffliches Ergebnis der amerikanischen 
Beziehungen ergab sich bei der Konkurrenz 
zum neuen Hotel Aschinger am Potsdamer 
Platz (vergl. Heft 4) für uns leider nur ein 
ganz ausgezeichneter Entwurf, der bedauer 
licherweise nichtzur Durchführung kommt. 
Hier besaß man für einen derartigen Zweck
        
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