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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

FORDERUNGEN 
UND ERGEBNISSE DER MODERNEN 
ARCHITEKTONISCHEN ENTWICKLUNG. 
Von MAX CREUTZ. 
In einem willkürlichen Zeitausschnitte wie 
er heute im Anfänge des zwanzigsten Jahr 
hunderts vor uns liegt, von Ergebnissen 
einer Entwicklung zu sprechen, scheint 
sehr gewagt. Wir selbst stehen unserer 
Zeit zu nahe, um darüber urteilen zu kön 
nen und so reizvoll es sein mag, dem An 
derswerden und Fortschreiten der Ent 
wicklung in unmittelbarer Nähe gegenüber 
zu stehen, es verknüpft sich damit die 
ganze Schwerfälligkeit des realen Daseins. 
Wenn nach allgemeiner Erfahrung der 
Wechsel einer Anschauung im Verlaufe von 
fünfzig, höchstens von dreißig Jahren er 
folgt, so ergibt sich die Beschränkung der 
menschlichen Anschauung im Einzelnen, 
zumal auf architektonischem Gebiete, wo 
schon die Bewältigung des Materials ge 
raume Zeit in Anspruch nimmt. 
Wenn dennoch der Versuch gemacht 
wird von Ergebnissen zu sprechen, so soll 
es sich an dieser Stelle nicht so sehr darum 
handeln, wirklich Bedeutsames und Blei 
bendes hervorzuheben, sondern mehr um 
die einzelnen Äußerungen als solche, wie 
sie innerhalb des knappen Rahmens dieser 
Zeitschrift den mannigfachsten Schwankun 
gen unterworfen waren und in jeder Be 
ziehung den schnellen Wechsel der künst 
lerischen Ausdrucksformen und der Ent 
wicklung wiedergeben. In jedem Falle 
wird sich freilich das wirklich Wertvolle 
schon von selbst herausheben. 
Bereits 1898, als die Berliner Architektur 
welt mit demWertheimschen Kaufhause von 
Alfred Messel in der Leipzigerstraße be 
gann, war der Bruch mit der alten Prunk 
fassade des gleichzeitigen Wohn- und Ge 
schäftshauses und der dadurch bedingten 
Disharmonie der einzelnen Geschosse voll 
zogen. Der einheitlich durchgehende Pfeiler 
bau wurde hier wie in demMesselschenBau- 
werke des altenWarenhauses vonWertheim 
in der Rosenthalerstraße zum typischen Vor 
bilde und zur Anregung neuer Möglichkeiten 
in den zahlreichen, fortab entstehenden 
Warenhäusern. Vielleicht läßt sich die Be 
deutung dieses Typs noch von völlig anderer 
Seite charakterisieren als eine Neugestal 
tung und Vertiefung des Reklamcwesens. 
Das Warenhaus wirkt nunmehr durch sich 
selbst. Jeder grobe Effekt ist vermieden, 
der Name des Besitzers steht nur auf einer 
kleinen Tafel des Eingangs, eine künstle 
rische Lösung also, wie man sie nicht besser 
wünschen kann, und sicherlich wird auch 
Wertheini mit seinem Messelschen Erfolge 
in den einzelnen Kunstzeitschriften zufrieden 
sein. Jedenfalls liegt hier ein Gesichtspunkt, 
den unsere Auftraggeber bei der Wahl des 
ausführenden Künstlers in erster Linie be 
rücksichtigen sollten. 
Im Sinne der künstlerischen Entwicklung 
haftet dem alten Warenhause der Leipziger 
straße noch ein gewisser Zusammenhang 
mit historischen Stilformen an, der inzwi 
schen im neuen Eckbau völlig verschwun 
den ist. 
Und man kann auch im allgemeinen den 
Gang der Entwicklung kennzeichnen als 
ein allmähliches Losringen von Assoziations- 
wirkungen an die Formenwelt der alten 
Kulturen. 
DieEntwicklung zum eigentlichenZweck- 
bau vollzog sich auch im Bauorganismus 
selbst unter beständiger Anlehnung. Be 
sonders beliebt war die geschwungene goti 
sche Linie und der spätgotische Spitzbogen. 
(Vergl. die ersten Jahrgänge dieser Zeit 
schrift, die auch weiterhin dieses Thema 
'A-W. VIII. s. 
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