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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

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künstlerischen Anschauung heraus einem 
derartig bleibenden, man kann sagen 
ewigen Monumente gegenüber ihre per 
sönliche Veranlagung zu allgemeiner und 
bleibender Bedeutung zu erheben. Die 
Beantwortung der Frage scheint nicht 
schwer, denn schon Teilung der Arbeit 
ist nicht jene Intuition, die nur durch die 
Persönlichkeit zum einheitlichen Ausdruck 
kommen kann. Und das Mehr oder 
Weniger an dieser oder jener Stelle ist 
die Last verdoppelter Schultern. Die 
Leistung als solche ist mehr Massenkunst 
wie Kunst einer Persönlichkeit, Das Haupt 
verdienst gebührt hierbei vor allem dem 
eminenten technischen und handwerklichen 
Können, das heute spielend die schwie 
rigsten Arbeiten in vollendeter Weise ge 
staltet. 
Die Behandlung des Sandsteines stammt 
von C. Schilling, Berlin. Die Modelle für 
die Bildhauerarbeiten des Äußeren sind 
von E. Westpfahl, einzelne Zierschilder 
und sämtliche Bildhauermodelle für das 
Innere von H. Giesecke. Die Portal 
figuren, „Gerechtigkeit“ und „Weisheit“ 
stammen von Prof. Vogel, ein Figuren 
fries über den Festsaalfenstern „Handwerk“ 
und „Handel“ von Drischler, „Kunst“ 
und „Wissenschaft“ vonGötz, „Religion“ 
und „Verwaltung“ von Prof. Haver- 
kamp, „Industrie“ und „Ackerbau“ von 
Günther-Gera, die Turmfiguren von 
Otto Stichling. Steinbildhauerarbeiten 
des Äußern von Bildhauer Schwarz. Die 
Turmfiguren in Kupfer getrieben von Knodt 
{Frankfurt a. Main), Weiterhin sind im 
Vorsaalportal des Obergeschosses trefflich 
bewegte Beleuchtungsfiguren von O. Stich 
ling aufgestellt. Das Zimmer des Ober 
bürgermeisters als das am besten gelungene 
Interieur ist in grau gebeiztem Eichenholz 
mit blauen Intarsieen vorzüglich ausgeführt 
durch die Firma Kimbel und Friedrichsen. 
Beschläge und Bronzen-Treibarbeit stam 
men hier von Gust. Lind. Hervorzuheben 
ist hier eine neue treffliche Behandlung 
großer Wände, die bekanntlich selbst bei 
Stoffverkleidnng leicht tot und wirkungslos 
bleiben. In eine Art weicher Stuckmasse 
werden Rillen eingekämmt, die Tiefen mit 
Farbe eingerieben, die Höhen mit Gold 
bronze abgezogen, sodaß eine überaus 
lebendige Flächenwirkung entsteht, die 
durch eingepreßte Ornamente 'noch weiter 
belebt werden kann. Die Ausführung 
stammt hier von M. Kellner. Das Ober 
geschoß ist von großen Festsälen im Zu 
sammenhang durchzogen, deren Ausstat- 
tung jedoch vorläufig nur provisorisch ge 
staltet werden konnte. Die Glasmalereien im 
Treppenhause zum Stadtverordnetensaale, 
die Farbig fein gestimmt sind, stammen 
von Eissing, andere linear vorzüglich durch 
geführte Glasfenster, von Guhr entworfen, 
sind von Scheerer ausgeführt. Im übri 
gen ist die Ornamentik besonders im 
Stadtverordnetensitzungssaale wieder ein 
Beweis, daß eine festgewurzelte lokale 
Eigentümlichkeit lange vorhält. Die 
prickelnde malerische Auflösung des or 
ganischen Zusammenhanges von Ornament 
teilen ist die alte Tendenz, welche sich 
schon lange im Berliner Architekturwesen 
äußerte. Sie hat einem guten Teil der 
Stadt das bekannte Aussehen verliehen. 
Daß sie nicht nur eine vorübergehende 
Laune ist, wie Optimisten annabmen, 
sondern auf tiefergehende psychologische 
Ursachen zurückgeht, ist leider wahr 
scheinlich. Ihnen nachzugehen wäre 
Gegenstand einer längeren dazu heiklen 
Erörterung. Vielleicht kann man sagen, 
daß die Nervosität des Lebens einer Groß 
stadt einen schnelleren Pulsschlag bedingt, 
jenen in künstlerischer Beziehung nicht 
gerade fruchtbringenden Zustand, den man 
mit dem Worte „zerrissen“ trefflichst 
kennzeichnet. Analoge Erscheinungen lehrt 
im übrigen die Ästhetik der Entwicklung. 
In Zeiten, wo große Ereignisse eine unge 
wohnte Erregung hervorrufen mußten, war 
Neigung zu einer verwandten barock- 
malerischen Richtung vorhanden. Daß 
diese in unserer Zeit mit so ungewöhnlicher 
Stärke in Erscheinung tritt, scheint in der 
Intensität des modernen Lebens seine un 
definierbaren Ursachen zu haben.
        
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