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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

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nach Schönheit kann so nie befriedigt 
werden. Gerade der Wohnungseinrichter 
ist eine betrübende Erscheinung, die den 
Fortschritt nur hemmen kann und oben 
drein die ganze Angelegenheit verwirrt. 
Man kann niemand eine Wohnung ein 
richten. Wohnlichkeit ist etwas absolut 
Persönliches, das von Herkunft, Bildungs 
gang, Charakter und Liebhabereien ab 
hängt. Und es ist etwas Sinnloses, sich 
von einem Fremden eine Wohnung wohn 
lich machen zu lassen. Nur der Parvenü, 
der sich unsicher fühlt, der mehr scheinen 
möchte als er ist, wird dergleichen unter 
nehmen. Jeder andere aber wird sich da 
nicht dreinreden lassen, sondern seinen 
persönlichen Geschmack zum Ausdrucke 
bringen. Was aber auch der geschmack 
vollste Laie nicht leisten kann, das ist die 
Formgebung der Möbel, der Stoffeusw. Und 
hier liegt das eigentliche Tätigkeitsfeld des 
Künstlers. Zusammenstellen, wohnlich 
machen, das kann nur jeder für sich selbst 
tun. Aber Formen und Farben schaffen, 
dazu gehört mehr wie Geschmack, das ist 
Kunst. Leider ist die Trennung dieser bei 
den Gebiete nie scharfvorgenommenworden. 
Auch die Künstler haben die beiden Strö 
mungen oft miteinander verquickt, Am 
meisten trat dies bei den Ausstellungen zu 
Tage. Man richtete Zimmer, ja ganze 
Wohnungen her, vollkommen so, wie wenn 
sie bewohnt wären, Auf diese Weise aber 
wird leicht die Aufmerksamkeit vom we 
sentlichen abgelenkt. Der Eindruck wird 
immer ein irreführender sein. Selten er 
lauben die verfügbaren Räume, die wirk 
lichen Verhältnisse in Bezug auf Beleuch 
tung, Größe und Aneinanderreihung nach 
zumachen. Die Zimmer werden meist zu 
klein, sind obendrein Durchgangsräume für 
das betrachtende Publikum. Immer sind 
viel mehr Menschen darin, als in Wirklich 
keit darin sein würden, und das allein schon 
verändert das Aussehen ganz und gar. 
Dazu kommt, daß man alles nur stehend 
sieht, nie vom Sitz aus, der Augenpunkt 
also viel höher liegt als gewöhnlich, die 
Möbel mithin gar nicht richtig zur Geltung 
kommen können. Schlimmer aber ist, daß 
die wohnliche Zusammenstellung die Auf 
merksamkeit nur auf den Gesamteindruck, 
nicht auf das einzelne hinlenkt. In solcher 
Ausstellung wirkt meist nur das Aller- 
gröbste, die Hauptfarben, die auffallendsten 
Linien, Alles Detail aber, das im täglichen 
Wohnen die Hauptrolle spielt, das zur 
Geltung kommt, wenn man irgendwo be 
haglich sitzt, bleibt ganz unbeachtet. In 
alledem liegt die Verführung, einen Raum 
ausschließlich auf die Gesamtwirkung zu 
komponieren, die Einzelheiten zu vernach 
lässigen. Nun wird sich aber gerade der 
Gesamteindruck vollkommen ändern, wenn 
die Möbel aus der Ausstellung in ein 
Zimmer von ganz anderer Form und Be 
leuchtung verbracht werden. Auch wird 
man den Gesamteindruck überraschend 
schnell müde. Und die verlockendste 
Farbenzusammenstellung, die auf der Aus 
stellung verblüffte, verliert nur allzubald 
jede Wirkung, das Zimmer erscheint kahl 
und langweilig, wenn nicht im Detail nun 
bis dahin übersehene Wirkungen zur Gel 
tung kommen. Darum wird solche Zimmer 
ausstellung leicht zur Täuschung für den 
Käufer. Und ihre Wirkung beruht nur 
zum größten Teil nicht auf künstlerischer 
Leistung, sondern auf dem Geschmack des 
Arrangements. Das Publikum bekommt 
dadurch das Gefühl, bevormundet zu wer 
den. Und die künstlerische Arbeit kommt 
nicht gebührend zur Geltung. Dem Künstler 
aber muß daran liegen, Verständnis und 
Aufmerksamkeit für seine Arbeit zu finden. 
Nur wenn das Publikum anfängt, die 
Künstlerarbeit als solche zu betrachten — 
ganz abgesehen von aller künstlichen Wohn 
lichkeit — wird es auch allmählich einen 
Wertmaßstab für die Kunstleistung bekom 
men, und so einen heilsam regulierenden 
Einfluß auf die Produktion ausüben, den eben 
nur der verstehende Käufer ausüben kann. 
Diese Erwägungen führen dazu, einmal 
mit der herkömmlichen Ausstellungsweise 
zu brechen, und den Versuch zu machen, 
einzelne Stücke auszustellen. Und so ge 
wissermaßen direkt zur Einzelbetrachtung 
aufzufordern. So hatte Stoeving bei Wert 
heim eine Diele mit Möbeln verschiedener 
Künstler angeordnet. Und von diesem Ge 
sichtspunkt will auch unsere diesjährige 
gemeinsame Ausstellung in der großen 
Kunstausstellung betrachtet sein. 
Der gegebene Raum ca. 8x12 m mit 
Eingängen auf den Schmalseiten und Ober 
licht mußte unseren Zwecken entsprechend 
umgestaltet werden. Da Möbel Seitenlicht 
brauchen, wurde der Raum abgedeckt und 
in der Mitte ein offener Hof angeordnet. 
Da in der Mitte der einen Längswand eine 
Mauer in den Raum hineinragt, wurde der 
Hof nicht als Kreis, sondern als Dreieck 
mit konvexen Seiten und ausgerundeten 
Ecken gebildet. Die Ecken durch Pfeiler 
betont, zwischen Pfeilern je zwei Säulen 
gestellt. Gesims und Pfeiler grau gestrichen, 
teilweise vergoldet, die Säulen dunkelbraun 
mit darüber gelegtem hellgrünen Struktur 
ornament. Die Wände in einem leuchten 
den, etwas grünem Blau gestrichen, das 
den verschiedensten Möbelfarben als Hin 
tergrund dienen konnte. 
Leider gelang es erst spät, den Raum 
zu vollenden; die Bestimmungen der großen 
Ausstellung sind in erster Linie auf Bilder 
und Plastik zugeschnitten, die Zuteilung 
der Räume erfolgt daher immer sehr spät, 
und so muß die kunstgewerbliche Ausstel 
lung überhastet werden, zu einer gründ 
lichen Vorbereitung fehlt regelmäßig die 
Zeit. Es wäre lebhaft zu wünschen, daß 
hier eine Änderung einträfe. 
August Endell.
        
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