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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

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den englische Stoffe und Farben bei uns 
eingeführt. Man kämpfte gegen die trüben 
Farben der Renaissancemöbelzeit, gegen 
das Verhängen der Fenster mit schweren 
Stoffen. Man kämpfte für bequeme Stühle 
und Klubsessel. Aber wunderlicherweise 
alles im Namen der Schönheit. Hartnäckig 
erklärte man Schönheit und Zweckmäßig 
keit, Bequemlichkeit für ein und dasselbe. 
Und merkte gar nicht, daß all diese Er 
wägungen mit Kunst nicht das geringste 
zu tun haben. Die gute Stube mag heute 
unpraktisch sein, in der Zeit unserer Väter 
hatte sie einen sehr guten Sinn. Künst 
lerisch genommen aber ist diese Frage ab 
solut belanglos. Eine gute Stube kann 
wunderschön sein, ein modernes Boudoir 
sehr scheußlich. Ob jemand dunkle Zimmer 
liebt oder helle, ist seine Privatangelegen 
heit, beides kann schön und häßlich ge 
macht sein. Stumpfe Farben, lebhafte 
Farben, breite Fenster, schmale Fenster, 
Flügeltür, schmale Tür, Einfachheit, Kom 
pliziertheit, all das sagt für den Kunst 
wert zunächst gar nichts. Das sind alles 
Fragen des Lebenszuschnittes, der Sitte, 
der Gewohnheit, der Bedürfnisse. Künstle 
risch lösen läßt sich diese und jene Art. 
Mit alledem ist erst die künstlerische Auf 
gabe gestellt, aber noch keineswegs ge 
löst. Das wurde vollkommen übersehen. 
Man war selig, nun einen bequemen Weg 
zur Schönheit zu haben. Es erschienen 
direkt Bücher mit Anweisungen und Re 
zepten, wie man seine Wohnung einzu 
richten habe, wollte man als geschmack 
voller, moderner Mensch gelten. Natürlich 
schossen die Reformeiferer dabei weit 
übers Ziel. Man übertrug sinnlos englische 
Dinge auf unsere ganz anders gearteten 
Verhältnisse. Die Fragen der Bequem 
lichkeit wurden ungeheuer aufgebauscht. 
Da behauptete jemand, Stühle müßten auf 
den Millimeter genau ausprobiert werden 
und vergaß, daß die Werkzeuge, die den 
Menschen zum Sitzen verliehen sind, um 
viele Zentimeter differieren. Daß der alte 
Lehnstuhl genau den Bequemiichkeitsan- 
sprüchen seiner Zeit entsprach, wurde im 
Entdeckungseifer übersehen, und man tat, 
als ob die Menschheit bis dahin noch nie 
auf den Gedanken gekommen wäre, für 
ihre Bequemlichkeit zu sorgen. Daß man 
dabei aus Mangel an Erfahrung oft sehr 
unpraktische Dinge zu Tage förderte, sei 
nur nebenbei erwähnt. Arger war, daß 
man all diese ungeheuerliche Weisheit für 
Kunstoffenbarung ausgab, Schönheit mit 
Zweckmäßigkeit gleichsetzte, allen Schmuck 
für überflüssig und barbarisch erklärte, ja 
wie Adolf Loos direkt die Theorie ent 
wickelte, Abnahme des Schmuckes ent 
spräche Zunahme der Kultur. Es bildete 
sich die Institution der Wohnungseinrichter, 
die geschmackvoll zusammenstellen, wenig 
oder gar nicht zeichnen können. Gewisser 
maßen konstitutionell gebundene Künstler, 
die nur ein Vetorecht haben, aber selber 
nichts schaffen dürfen. Das gerade Gegen 
teil des Künstlers. Und grade das schien 
vernünftig. Wozu überhaupt Künstler? 
Schon der Name war verdächtig, klang 
nach gänzlich überflüssiger Genialität, nach 
hochmütiger Überhebung. Man beschul 
digte die Künstler, sie dünkten sich zu gut, 
Handwerker zu sein, sie bezeichneten sich 
nur aus Vornehmtuerei als Künstler und 
schreckten gerade damit das Publikum ab. 
Was man brauche, sei gar nicht Kunst, 
sondern nur etwas, was ein vernünftiger, 
praktischer und geschmackvoller Mensch 
auch leisten könne. 
Nun ist es immer bedenklich, eine sach 
liche Frage auf das moralische Gebiet hin 
überzuspielen, und es ist recht billig, je 
mand, dessen Treiben man nicht versteht, 
eitle und törichte Motive unterzuschieben. 
Wir nennen uns nicht Handwerker, weil 
wir keine sind, weil wir weder tapezieren 
noch tischlern können, wohl aber für die 
verschiedenen Techniken entwerfen. Und 
wir wollen nicht Handwerker spielen, da 
ohnehin die alte handwerksmäßige Betriebs 
form — die mit Handarbeit nicht identisch 
ist — im Aussterben begriffen ist trotz aller 
„Mittelstandsrettung“, und durch den Groß 
betrieb ersetzt wird. Außerdem aber ver 
mögen weder praktischer Sinn noch Ge 
schmack das zu leisten, was wir wollen. 
Denn Geschmack ist noch lange nicht 
Kunst. Eine neue Wohnsitte bedarf der 
Gestaltung, der Formung, und das kann 
nur durch den Künstler geschehen, der es 
eben versteht, dem neuen Schönheits-Be 
dürfnis eine greifbare Form zu geben. 
Zusammenstellen allein tut es nicht. Denn 
irgendwoher muß das, was manzusammen- 
stellt, doch kommen. Und so läuft diese 
ganze Weisheit auf weiter nichts hinaus, 
als einen mehr oder weniger geschmack 
vollen Eklektizismus, der nun aber im Be 
wußtsein seiner Unfähigkeit zu gestalten, 
sich möglichst an dürftige „einfache“ 
Formen hält und darum sich charakteri 
stischer Weise in. der Zeit des glänzendsten 
Aufschwungs die Zeit größter Dürftigkeit 
zum Vorbilde nimmt: die Biedermeierzeit. 
Aber der Reiz der Dürftigkeit hält nicht 
lange vor. Und Schönheit ist uns gerade 
so Lebensbedürfnis, wie irgend etwas an 
deres, zumal in einer Zeit, wo die Verhält 
nisse Entfaltung von Prunk und Reichtum 
gestatten. Das hatte der Eklektizismus der 
70 er und 80 er Jahre schon begriffen. Der 
wollte Schönheit, Prachtentfaltung. Nurver 
griff er sich in den Mitteln, konnte sich auch 
nicht schnell genug von den hergebrachten 
Wohnsitten losmachen. Darum erlag er 
dem Anstürm der Reformer. Aber diese 
hatten Unrecht, wenn sie nicht nur eklek 
tische, historische, sondern alle Gestaltung 
überhaupt verwarfen. Denn dabei kann 
nur Langweile im günstigsten Fall Öder 
Chic zustande kommen. Die Sehnsucht
        
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