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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

WERKRING-AUSSTELLUNG. 
Es geht immer so. Wenn irgend eine 
neue Idee allgemeine Beachtung erringt, 
dann heften alle, die sich mit der Welt 
verbesserung abgeben, ihre menschheit 
erlösenden Gedanken an diese Idee, ob sie 
damit etwas zu tun haben oder nicht, ist 
ihnen gleichgültig. Dabei wird das Frem 
deste, das Widersprechendste mit einander 
verquickt. Als die kunstgewerbliche Be 
wegung einsetzte, ging es gerade so. Kaum 
sahen die Reformer aller Richtungen, daß 
diese Bewegung Staunen und Widerhall 
allenthalben erregte, so verknüpften sie 
schleunigst mit den Ideen der Künstler 
soziale, religiöse, wirtschaftliche, politische, 
philosophische Reformen wild durchein 
ander: Volksbeglückung, Rettung desHand- 
werks, Kindererziehung, Frauenemanzipa 
tion, Monismus, Verbesserung der geselligen 
Sitten und vieles andere. Aber zum Glück 
verlief sich die Flut, die die junge Kunst 
zu ersticken drohte, ebenso rasch, als sie 
gekommen war. Als die Weltverbesserer 
sahen, daß der Himmel auf Erden sich bei 
dieser Gelegenheit sowenig einstellen wollte, 
als bei irgend einer anderen, und obendrein 
das Publikum, wirr gemacht und gelang 
weilt durch das Getöse, seine Gunst der 
neuen Bewegung bald wieder entzog, ver 
ließen sie grollend und enttäuscht das Feld, 
Die Künstler durften aufatmen. Aber leider 
hatte diese Hochflut wie jede andere auf 
unserem Arbeitsfeld unfruchtbaren Schlick 
und nutzlose Steine zurückgelassen: törichte 
Schlagworte und noch bösere Theorien, 
die uns das Wesen unserer Kunst lehren 
sollten. An Ratschlägen, Rezepten und 
Wegweisungen hatte es ja nicht gefehlt. 
Nur schade, daß die meisten dieser Hülf- 
reichen von den tatsächlichen Verhältnissen 
wenig Ahnung hatten. Und so hatten wir 
Künstler denn das Vergnügen, uns mit die 
sen traurigen Überbleibseln der allgemeinen 
Begeisterung herum zu schlagen. Oben 
drein glaubte man zuerst in diesen Theo 
rien nützliche und fruchttragende Dinge 
zu besitzen. Und erst böse Erfahrung 
mußte lehren, daß im Grunde genommen 
nur Verwirrung, Unklarheit und Halbwahr- 
heiten geschaffen worden waren. Manche 
theoretische Torheit wurde durch die Praxis 
bald bloßgestellt. Bei der Arbeit sah man 
bald ein, daß Konstruktion nicht von selber 
zur Kunstform wird; daß es echte oder 
unechte Materiale streng genommen gar 
nicht gibt und eine Form dadurch nicht 
besser wird, daß man sie in Marmor an 
statt in Gips ausführt; und daß die dürftige 
Form, zu der das kostbare Material und 
seine kostspielige Bearbeitung vielleicht 
zwingen, noch lange keine Kunstform ist. 
Diese Erkenntnis und manche andere kam 
ganz von selbst, Viel schwieriger aber 
war es zu erkennen, daß in der ganzen 
Bewegung zwei ganz verschiedene Strö 
mungen verschmolzen waren, einmal eine 
rein künstlerische und daneben eine, deren 
Ziel eineÄnderung unsererWohnsitten war; 
zwei Strömungen, die sich vielfach berühr 
ten, aber keineswegs identisch waren. 
Die Künstler kämpften gegen den Eklekti 
zismus der „historischen“ Periode, gegen 
die sinnlose Nachahmung des Alten, such 
ten Wege für selbständiges Schaffen, Und 
schon die ersten Versuche fanden zu ihrer 
nicht geringen Überraschung lautesten Bei 
fall. Das lag aber zum guten Teil daran, 
daß diese künstlerische Bewegung eine 
ganz andere Bestrebung auslöste oder viel 
mehr dem großen Publikum zum Bewußt 
sein brachte, die Bestrebung, unsereWohn- 
sitten, die im wesentlichen noch die unserer 
Großväter geblieben waren, der ganz und 
gar veränderten Zeit anzupassen. Die rasche 
Zunahme der Bevölkerung, die außer 
ordentlich schnelle Entwicklung zum In 
dustriestaat, der Untergang des Handwerks, 
das ungeahnte Wachstum der großen Städte, 
die Herausbildung ganz neuer Arbeits- und 
Geschäftsformen mußte notwendig auch 
eine Änderung der Lebenssitten, der Ge 
selligkeit, der Art des Wohnens nach sich 
ziehen. Freilich hielten die gewohnten 
Formen diesem Andrang lange Stand. Man 
suchte sich zu behelfen, so gut es ging. 
Aber auf die Dauer war das unmöglich. 
Und all dieses lang zurückgehaltene Streben 
wurde durch die kunstgewerbliche Be 
wegung gewissermaßen entfesselt. Man sah 
nicht so sehr das Künstlerische darin, als 
die Möglichkeit den ganzen Stil des Lebens 
zu ändern, den neuen Bedürfnissen ent 
sprechender zu gestalten, als die väterliche 
Sitte es gestattete, Und darum war es kein 
Wunder, daß in den vielen Schriften, die 
damals über die neue Bewegung erschienen, 
sehr wenig von Kunst die Rede war, da 
gegen sehr viel davon, wie man wohnen 
und leben müsse. Da empfahl man eng 
lische Tischzeit, Verminderung der Zahl 
der Tischgäste und ähnliches mehr. Man 
bekämpfte die „gute Stube“, die Flügeltür 
und die schmalen Fenster. Zu alledem 
war begreiflicherweise englische Sitte ein 
Vorbild, denn die Engländer hatten die 
selbe wirtschaftliche Entwicklung schon 
vorher durchgemacht und daraus ihren 
Lebenszuschnitt entwickelt. Darum wur
        
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