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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 8.1906

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den z.B. die Ornamentformen, dieBerain um 
1700 geschaffen und Daniel Marot in zahl 
reichen Stichen für die verschiedenen Ge 
werbe umbildete, etwa vierzig Jahre lang 
immerfort in unermüdlicher Wiederholung 
auf allen Gebieten angewandt, so daß 
schließlich die vollkommene Beherrschung 
dieser Motive, des sog. Laub- und Bandel 
werkes, nicht zu verwundern ist. Dieses 
lange Fortleben derselben Formen erklärt 
auch zum großen Teil die manuelle Tüch 
tigkeit der alten Handwerker und die Güte 
und Vortrefllichkeit ihrer Leistungen, Denn 
was vom Ornament gilt, gilt in noch weit 
höherem Maße von den Grundformen 
ihrer Erzeugnisse. So übernahm die Re 
naissance vielfach die Möbelformen der 
Gotik unverändert und fügte ihrem Orga 
nismus nur äußerlich neue Ornamente 
an. Noch in dem letzten Ausläufer der 
historischen Stile, der sog. Biedermeier 
kunst, beruht die heutzutage so geschätzte 
Qualität der Möbel jener Zeit zunächst 
auf ihrer guten und soliden Arbeit — 
es sind Stücke gearbeitet von einer Dauer 
haftigkeit und Eleganz, wie kaum jemals 
vorher — sodann aber auch auf ihre ge 
sunden Formen. Man darf dabei aber 
nicht vergessen, daß der Formenkreis sehr 
beschränkt ist, so findet sich z. B, die 
damals so beliebte Form des Schreib- 
schrankes mit niederklappbarer Schreib 
platte in fast genau derselben Bildung in 
tausenden von Exemplaren wiederholt. 
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgte 
dann jener bekannte Bankerott des Hand 
werks, dessen Gründe anzuführen hier nicht 
der Platz ist. Ebenso bekannt sind die Mittel, 
die man anwandte, um das Verlorene in 
der Folgezeit wiederzugewinnen. Man 
glaubte aus dem Kreise des Handwerks 
heraus eine Neubelebung bewirken zu 
können, indem man Schulen und Museen 
zu seiner künstlerischen Erziehung begrün 
dete. In dieser Zeit werden auch die 
Worte „Kunsthandwerk“ und „Kunstge 
werbe“ geprägt, Begriffe, die aus derselben 
falschen Voraussetzung geboren sind, nach 
der man die Handwerker zu Künstlern er 
ziehen zu können glaubte. Statt gelehrte 
Thesen über den Begriff „Kunstgewerbe“ 
aufzustellen, sollte man denselben lieber 
fallen lassen. 
Die Bestrebungen des letzten Jahrzehntes 
haben denn auch in der richtigen Erkennt 
nis des falschen Weges, den man einge 
schlagen, die Künstler wieder zu Führern 
des Handwerks gemacht. Wie jede Reak 
tion, ist aber auch diese über das Ziel 
geschossen, als sie nunmehr jedem einzelnen 
handwerklichen Erzeugnis den Stempel 
einer ganz bestimmten, scharf ausgeprägten 
Künstlerpersönlichkeit aufzuprägen suchte. 
Mag im einzelnen in dieser Zeit vieles ge 
schaffen worden sein, was gerade durch 
diese individuelle Bildung von besonderem 
Reiz ist, die große Masse der handwerk 
lichen und gewerblichen Erzeugnisse hat 
davon nur wenig Nutzen gehabt. 
Zugleich ist auch aus dieser individuellen 
Gestaltung des Hausrats die Vorstellung er 
wachsen, es müßten diese Künstlerprodukte 
durch besondere gesetzliche Vorschriften vor 
der Nachbildung geschützt werden. Es ist 
schon von K. Scheffler in unserer Zeitschrift 
(Jahrg. VI, S. 109) auf das Bedenkliche 
dieser Bestrebungen hingewiesen, und an 
dererseits auch von verschiedenen Seiten 
die Notwendigkeit betont worden, statt 
nach besonderem individuellen Ausdruck 
mehr nach allgemein brauchbaren Formen 
zu suchen. Vielfach aber ist man über 
die zukünftige Entwicklung des Handwerks 
noch ganz imUnklaren, da man über die Be 
dingungen des Handwerks in den früheren, 
als vorbildlich geltenden Jahrhunderten 
keine richtige Vorstellung hat. Wenn 
einer unserer hervorragendsten Vorkämpfer 
für die Gesundung unserer Hauskunst 
schreibt: „Die Hoffnung wird möglich, daß 
wir wieder ein Allgemeingewerbe haben 
werden, das ebensowenig und ebensosehr 
künstlerisch ist, als das Gewerbe der alten 
Zeit war. Entwerfer und Ausführer, Künst 
ler und Handwerker verschmelzen wieder 
in eine Person; dem Gewerbe ist die ver 
loren gewesene Kunst zurückzugeben“ — 
so dürfte doch eine Rückkehr zu mittel 
alterlichen Zuständen, als Künstler und 
Handwerker gewissermaßen noch in einer 
Person verschmolzen waren, kaum mög 
lich sein. Es ist nicht anzunehmen, daß 
unsere Kunstverhältnisse sich viel anders 
gestalten werden, als sie seit der Renais 
sance sich entwickelt haben, daß wir aui 
der einen Seite Künstler von schöpferischer 
Erfindungsgabe, auf der anderen Seite 
Handwerker haben werden. Daß jemals 
unsere Tischler und Schlosser ein größeres 
künstlerisches Vermögen erlangen werden, 
als die Handwerker des 16. oder 18. Jahr 
hunderts besaßen, ist sehr zu bezweifeln. 
Wir können, glaube ich, zufrieden sein, 
wenn sie in der Beherrschung ihres Ma 
terials und in jener mehr als Geschmack 
und Feingefühl, denn als Kunst zu bezeich 
nenden Fähigkeit, die von den Künstlern 
dargebotenen Erfindungen zu benutzen, 
jenen wieder gleichkommen. Es bleibt nur 
die Frage zu lösen, in welcher Form die 
Befruchtung des Handwerks durch die 
Kunst geschehen kann. Vielleicht bieten 
Verfahren, dem Ornamentstich und der 
Plakette ähnlich, noch immer die beste 
Vermittlung. Es müßten die Künstler den 
Handwerkern in ähnlicherWeise die Schöp 
fungen ihrer Phantasie zur freien Verfügung 
stellen. Freilich müßten die Künstler auf 
irgend eine Weise ihre Rechnung dabei 
finden.
        
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